Ein Aspekt, der im Jubel über die gelungene Strafaktion gegen die CDU in Sachsen-Anhalt ein wenig untergegangen ist: Der Mythos von der „inneren Einheit“ – immer schon nur ein Mythos – ist endgültig tot. Die Mehrheit der Ostdeutschen tickt anders als die Mehrheit der Westdeutschen. Die auf einer Landkarte dargestellten Wahlergebnisse – wie fast alle anderen Meinungsmessungen – zeigen die alte Grenze zwischen den deutschen Staaten. Im Atlas der Mentalitäten existiert die DDR räumlich noch, ob es uns gefällt oder nicht. Politologen sprechen technokratisch von zwei voneinander getrennten „Wählermärkten“. Woher kommt das?
Wer das vor dreißig Jahren vorausgesagt hatte (wie der Autor), wurde als vaterlandsloser Geselle niedergemacht und ausgegrenzt wie heute „Klimaleugner“ und „Impfskeptiker“. Darin liegt schon einer der Gründe für die mentale Teilung des „Vaterlands“. Man hat es mit der Einheit übertrieben, sie verwechselt mit Vereinheitlichung, sie auch nur zur Klimax der deutschen Geschichte erheben wollen. Die Sozialisierung im Sozialismus, die daraus resultierenden Komplexe, ebenso wie der Stolz der Abgewickelten, wurden von Machtpolitikern wie Helmut Kohl ignoriert. Es reicht, glaubte er, die Ossis zum Vorzugskurs mit D-Mark zu beglücken, dann klappt das unter Brüdern und Schwestern auf Anhieb, eine reine Versorgungsfrage, nicht bloß mit „blühenden Landschaften“, sondern auch mit blühenden Illusionen. (Umso schlimmer, dass man den Beglückten kurz darauf die D-Mark wieder wegnahm und in Euro eintauschte.) So wurde der Westen zum Maß aller Dinge. So wurde aus dem Beitritt ein Anschluss ohne Reue. Die Reue kam später.
Die Ostdeutschen, kein Vorwurf, sind an das politische System noch nicht so gewöhnt wie die Westdeutschen. Sie halten Demokratie für eine Methode, nicht für einen Wert an sich. Ihre Bindung an Parteien ist ebenso schwach wie ihr Vertrauen in das ganze „System“. So kommt es zum größten Paradox: Einerseits haben sie gelernt, dass der Staat (die Partei) für alles zuständig ist. Andererseits ist ihre Staatsverdrossenheit umso größer, je weniger dieser Staat liefert, was sie von ihm erwarten. Ihre nachholende Aufmüpfigkeit gegen den Staat drückt sich in Stimmen für die AfD aus, behauptet die doch fundamentale Systemkritik. Mal sehen, wie das ist, wenn sie sich das System erst einmal zu eigen gemacht haben wird. Der Westen kennt es als Marsch durch die Institutionen.
UKRAINE-KRIEG: Putin äußert sich zur AFD und reagiert auf Truppen-Plan nach Frieden | WELT LIVE









