Wie die Liberalen ihre letzte Chance verspielen – und warum das gut für die Freiheit ist

vor mehr als 1 Jahr

Wie die Liberalen ihre letzte Chance verspielen – und warum das gut für die Freiheit ist
Bildquelle: NiUS

Es hätte alles so einfach sein können. Die Ampel lag in Trümmern, die gigantische Mehrheit der Deutschen war froh, dass die Horrorgeschichte endlich vorbei war. Die FDP hatte den letztmöglichen Ausgang gefunden, nach viel zu vielen verpassten Ausgängen, aber sie hatte es geschafft. Sie hätte sich neu aufstellen, sie hätte ihr Rückgrat wiederfinden können, sie hätte einen radikal freiheitlichen Wahlkampf beginnen können. All das ist nicht passiert. Wer die FDP kennt, muss sagen: Natürlich ist es nicht passiert.

Warum nicht? Symptomatisch dafür ist der Umgang mit der medialen Debatte über das „D-Day“-Papier der FDP, in dem der Austritt aus der Ampel geplant wurde. Eigentlich fing es vielversprechend an: „Es ist Wahlkampf, wo ist die Nachricht?“ fragte Christian Lindner nach Bekanntwerden des Papiers. Auch Bijan Djir-Sarai, damals noch Generalsekretär der Partei, sah keinen Skandal.

FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai und der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner

Das änderte sich, als Tage später das Original-Dokument an die Öffentlichkeit geriet und der komplette Elfenbeinturm ausrastete, weil dort tatsächlich das böse Wort „D-Day“ zu finden war. Plötzlich hatte Lindner ein Problem, auch gestern Abend beim Interview mit Caren Miosga. Dort saß er über eine halbe Stunde lang in der Rolle als Büßer. Er distanzierte sich von dem Papier, von der Semantik, von der Kommunikation. Er habe „das Dokument nicht zur Kenntnis gekommen“, er habe das Papier nicht gekannt, hätte es auch „nicht gebilligt.“

Über 30 Minuten lang ging es nur darum. In einer Zeit der Rekordabgabenlast, des Rekordstaatsversagens und des jahrelangen Nullwachstums müsste ein Wahlkampf für eine liberale Partei ein Selbstläufer sein. Dass dem nicht so ist, sondern der Spitzenkandidat zur Bundestagswahl mehr als die halbe Sendezeit über eine derartige Banalität redet, offenbart nicht nur die Realitätsferne und Liberalismusverachtung des öffentlich-rechtlichen Milieus, sondern auch, dass die einstige Wahlkampfmaschine Christian Lindner ein Schatten seiner selbst ist.

Der 2017-Lindner hätte Frau Miosga nach fünf Minuten gesagt: „Ich werde keine Fragen mehr zu diesem irrelevanten Blödsinn beantworten, die Wähler haben alle notwendigen Informationen darüber und können sich ein eigenes Bild machen. Lassen Sie uns über die wichtigen Themen sprechen oder diese Zeitverschwendung beenden.“

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