Die Totengräber der Wettbewerbsfähigkeit

vor 5 Monaten

Die Totengräber der Wettbewerbsfähigkeit
Bildquelle: Tichys Einblick

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft befindet sich im Sturzflug. Schon seit 2018 erklärt ein steigender Anteil der Industrieunternehmen in quartalsweise durchgeführten Umfragen des Ifo-Instituts, dass sie gegenüber ausländischen Wettbewerbern an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Im Januar erklärte jedes dritte Industrieunternehmen (31.2 Prozent), dass es gegenüber globalen Wettbewerbern zurückfalle. Knapp die Hälfte der Unternehmen in den energieintensiven Bereichen Metallerzeugung und -bearbeitung sowie in der Chemieindustrie berichten, dass ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit sinkt.

Diesen Befund untermauert eine Analyse der Bundesbank, die der Frage nachgeht, warum der deutsche Exportanteil am globalen Welthandel im Zeitraum von 2018 bis 2024 von 8 auf nur noch 6,9 Prozent geschrumpft ist. Den Forschern zufolge spielen nachfrageseitige Faktoren wie etwa Handelsbeschränkungen oder das unterdurchschnittliche globale Nachfragewachstum bei Produkten, auf die hiesige Unternehmen spezialisiert sind, keine relevante Rolle zur Erklärung dieses Absturzes. Zu drei Viertel seien „angebotsseitige Effekte“ für die Schrumpfung des Exportanteils verantwortlich, die praktisch vollständig daraus resultieren, „dass deutsche Exporteure im internationalen Vergleich bei bestimmten Warengruppen an Wettbewerbsfähigkeit verloren“ haben, also letztlich zu teuer geworden sind.

Seit der industriellen Revolution ist die technische Entwicklung in wettbewerbsorientierten Marktwirtschaften zum entscheidenden Treiber zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit geworden, so dass Unterschiede der natürlichen Gegebenheiten an Gewicht verloren haben. Für eine höhere Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, kompletter Wertschöpfungsketten bis hin zu ganzen Volkswirtschaften ist daher ausschlaggebend, dass sie entweder Güter mit einem einzigartigen Anwendernutzen erzeugen und dies Preisaufschläge erlaubt. Andernfalls müssen sie – typischerweise durch die Einführung technischer Verbesserungen und Innovationen – gleichartige Waren oder Dienstleistungen mit geringeren Stückkosten herstellen als andere Wettbewerber. In beiden Fällen erreichen die Unternehmen zumindest temporär – bis andere Wettbewerber aufgeholt haben – eine höhere Profitabilität und somit die Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Dieser permanente Wettbewerbsdruck zwingt Vorreiter- wie auch Nachzüglerunternehmen zu Produktivitätssteigerungen. Denn nur so können sie gleichartige Güter zu immer geringeren Kosten zu erzeugen.

Die von den Unternehmen in Deutschland erreichten Produktivitätssteigerungen sind jedoch seit Jahrzehnten rückläufig. Seit Anfang der 2000er Jahre wurde in Deutschland nur noch ein gesamtwirtschaftlicher Produktivitätszuwachs von durchschnittlich etwa 0,7 Prozent pro Jahr erreicht, seit 2018 liegt er bei nur noch 0,2 Prozent jährlich. Besonders markant ist der Einbruch im produzierenden Gewerbe, das in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund seines hohen Anteils an den gesamtwirtschaftlich getätigten Ausrüstungsinvestitionen traditionell der Haupttreiber des Produktivitätsfortschritts war. Dort ist die Arbeitsproduktivität pro Erwerbstätigenstunde bei drastisch sinkenden Ausrüstungsinvestitionen seit 2022 sogar zurückgegangen, um inzwischen mehr als sechs Prozent. Nicht besser sieht es in den energieintensiven Industriebranchen aus, wo die Unternehmen wegen klimapolitisch bedingt steigendenden Energiekosten bereits seit Mitte der 2000er Jahre desinvestieren. Infolgedessen liegt die Arbeitsproduktivität pro Erwerbstätigenstunde heute in fast allen energieintensiven Branchen niedriger als noch 2007.

Diese Produktivitätsschwäche belegt, dass die Unternehmen in Deutschland immer seltener neue Technik einführen, um sich – durch Produkt- und Prozessverbesserungen bis hin zu Innovationen – Wettbewerbsvorteile zu erarbeiten. Da die Arbeitsproduktivität in vielen Branchen sogar seit Jahrzehnten stagniert und nun auch in der Gesamtwirtschaft nicht mehr vorankommt, liefert die Produktivitätsentwicklung inzwischen keinen Beitrag mehr zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Ganz im Gegenteil kommen die hiesigen Betriebe unter einen steigenden Druck, weil Konkurrenten vor allem in asiatischen und osteuropäischen Ländern ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit und auch die ihrer Volkswirtschaften durch kostensenkende Produktivitätssteigerungen verbessern.

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