Man braucht kein ganz besonders gewiefter politischer Analyst zu sein, um festzustellen, wie schnell sich die „öffentliche Meinung“ um 180 Grad drehen kann. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, diese Vorgänge in der Realität zu verfolgen, zumal der verbreitete Mangel an Allgemeinbildung, intellektueller Kohärenz und Weltkenntnis nicht nur seitens der Bürger und der Medien, sondern auch der modernen Politiker diesen Kehrtwendungen einen ganz besonders drastischen Zug verleiht.
Ein erster solcher Fall ist natürlich der Sturz Bashar al-Assads. Wer sich die Mühe macht, ein wenig im virtuellen Gedächtnis des Internets zu stöbern, der wird sich kaum retten können vor lauter Photos, welche Assad in herzlichem Gespräch mit so ziemlich jedem Würdenträger der letzten 25 Jahre zeigen, und ähnlich sieht es aus mit den Presseartikeln, die damals noch nicht von einem „Regime“, einer „Diktatur“ oder einer „Tyrannei“ sprachen, sondern von einem demokratisch gewählten Staatschef, der einen festen Teil der damaligen Welt- und Wertegesellschaft bildete und allgemeine Anerkennung dafür erhielt, Syrien weiter auf dem Kurs eines religiös laizistischen, kulturell liberalen, technologisch modernen und wirtschaftlich kapitalistischen Landes zu halten.
Daß der Sturz der Diktatoren überall im Nahen Osten nicht westlich-demokratische, sondern autoritär-islamistische Gruppen an die Macht spülen würde, und die Twitter-Jugend diese Entwicklung zu nicht unwesentlichen Teilen eher begrüßte und förderte, anstatt sie zu behindern – das ist bis heute eine ideologische No-Go-Zone, die mit dem blinden Progressivismus der europäischen und amerikanischen Massenmedien nicht vereinbar zu sein scheint. Und so ist nunmehr auch in Syrien, trotz aller Lektionen der Geschichte, aus dem respektablen Staatschef der blutrünstige Diktator geworden, während die al-Qaida- und IS-Ableger der HTS-Kämpfer verschämt als „moderate Islamisten“ oder bloß „Rebellen“ tituliert werden, denen man zur „Befreiung“ ihres Landes gratuliert, und denen es nunmehr mit Offenheit und Großzügigkeit zu begegnen gilt, um sie nicht gar, oh weh, in die unfreiwillige Radikalisierung zu treiben.
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