Warum Voltaires Candide für Steinmeier ein rechter Populist ist

vor 7 Monaten

Warum Voltaires Candide für Steinmeier ein rechter Populist ist
Bildquelle: Tichys Einblick

Warum Voltaires Candide für Steinmeier ein rechter Populist ist, „der Schurke schwamm glücklich ans Ufer, wohin auch Pangloss und Candide auf einer Planke getragen wurden.“

Einige von Steinmeiers Vorgängern hielten wichtige Reden, er hingegen stimmt nur das Phraseseiunser an. Über die Phrasenschmiede des Phraseseiunser hatte bereits Heinrich Heine bitter gespottet: Sie sangen „das alte Entsagungslied, /Das Eiapopeia vom Himmel, /Womit man einlullt, wenn es greint, /Das Volk, den großen Lümmel. //Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, /Ich kenn auch die Herren Verfasser; /Ich weiß, sie tranken heimlich Wein /Und predigten öffentlich Wasser.“

Weil es Steinmeier jedoch gelang, das höchste Staatsamt, dessen Amtsträger eigentlich über den Parteien zu stehen haben, zum Parteiamt zu machen, wurde Analyse durch Phrase, Vernunft durch Glaube, Gerechtigkeit durch Gesinnung ersetzt. Weil man im Mittelalter einschlägige Erfahrungen mit einigen unwürdigen Päpsten gemacht hatte, wand man sich mit der Vorstellung, dass das Amt den Mann heiligt, aus der Affäre.

Doch die heiligende Kraft des Amtes findet ihre Grenze dort, wo sie keine heilende Wirkung mehr zu erzielen vermag, wenn der Blick des Amtsträgers auf die Wirklichkeit nicht dem des über alle Gegensätze kreisenden Adlers, sondern das Panzerschlitzformat des Klassenkämpfer entspricht. Glücklich, in Bellevue einziehen zu dürfen, rief der auf sich selbst bedachte Mann vor fünf Jahren in der Ekstase höchster Selbstgerechtigkeit aus: „Ja, wir leben heute im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat.“ Steinmeiers „Wir“ entsprach nur dem pluralis majestatis des obersten Brandmaurers der Noch-Republik.

Historisch gesehen war der Gegensatz zum Brandmaurer der Freimaurer. So einer wie Voltaire beispielsweise. Den Voltaire von der englischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall zugeschriebenen Satz „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen“, dürfte Steinmeier als rechten Populismus abtun. Doch gegen die Vorstellung, in der besten aller möglichen Welten oder der davon abgeleiteten Behauptung auf intellektueller Sparflamme, dass man im besten Deutschland lebte, das es je gab, verfasste Voltaire vor 267 Jahren unter dem Pseudonym Docteur Ralph den satirischen Roman Candide ou l’optimisme (Candide oder der Optimismus). Die deutsche Übersetzung erschien übrigens nur anderthalb Jahre später unter dem Titel „Die beste Welt“. Doch könnte sich Steinmeier, wenn er ihn denn wirklich kennte, auf Leibniz berufen?

Es ist ein grober, ein wilder, wenngleich von unvergleichlicher Boshaftigkeit orchestrierter Spaß, den sich Monsieur Voltaire mit dem guten Herrn Leibniz erlaubte. Eines war Voltaire mit Sicherheit nicht, ein guter Mensch, dazu war er wiederum zu scharfsinnig und zu rational. Er wollte es zwar selbst guthaben in der Welt, nicht aber um den Preis, sich die Welt gutsehen zu müssen Hierin unterschied er sich von seinem Philosophen-Kollegen Gottfried Wilhelm Leibniz, der an Rationalität und Scharfsinnigkeit Voltaire wohl übertraf, aber eben dazu noch ein Deutscher war, das heißt, es war ihm in die Wiege gelegt worden, dass er die Welt sich gutsehen musste, selbst um den Preis, dass er es nicht guthaben würde.

Will man die Kontroverse zwischen dem Franzosen und dem Deutschen verstehen, sollte man sich daran erinnern, dass die Heimat der deutschen Philosophie die Universitäten, die der französischen Philosophie die Salons sind. Ordentlich und gewissenhaft ging also Leibniz ans Werk, um eine Philosophie zu entwickeln, die die Menschen tröstet, optimistisch stimmt und deren Schlussfolgerung kühn lautet, dass wir nicht nur im besten Deutschland, sondern in der besten aller möglichen Welten leben.

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