Leo Trotzki war ein russischer Revolutionär, der Begründer der Roten Armee und Stalins härtester Gegenspieler. Wobei das unpräzise ist. Eigentlich hat der sowjetische Diktator Trotzki nach Belieben beherrscht, ins mexikanische Asyl getrieben und dort ermorden lassen. Doch davor hat Stalin ihn ein ganzes Jahrzehnt lang dringend gebraucht. Jedes Mal, wenn in seiner Sowjetunion etwas schiefgegangen ist, war das eine Folge der Untergrundarbeit Trotzkis. Zumindest in der offiziellen Darstellung. Linke brauchen einen Sündenbock, dem sie die Schuld für all das geben können, was sie verbocken – denn sie verbocken viel. Und ein einfacher Sündenbock ist zu wenig. Der muss dämonische Züge tragen und ihm muss der Mythos einer Allmächtigkeit vorausgehen.
Für einen glorreichen Tag kam Facebook-Gründer Mark Zuckerberg diese Rolle zu. Er hat deutsche Linke verärgert, weil er auf seinen Meta-Plattformen die Meinungsfreiheit wieder zulassen will. Weil er – für den Anfang nur in den USA – Faktenchecker abschaffen will. Die hat Facebook verpflichtet, um als neutrale Hüter über Wahrheiten zu wachen. Doch zum Beispiel in Deutschland sind das Aktivisten wie die von Correctiv, deren eigene Arbeit man gesichert „dreckige Lüge“ nennen darf. Das linke Lager bis hin zu Friedrich Merz und Sozialdemokraten in der Bild-Redaktion sieht durch Zuckerberg das Ende „unserer Demokratie“™ kommen und entsprechend war er für ihre Vertreter ein Tag lang der Sündenbock mit dämonischen Zügen, der an allem die Schuld trägt, was in ihrer Welt schiefläuft – und das ist so einiges.
Eine Auswahl an stilistischen Blüten von denen, die sich selbst Qualitätsjournalisten nennen: Zuckerberg lasse „alle Masken fallen“, schreibt etwa die Zeit. Der Facebook-Gründer werfe sich dem designierten amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu Füßen. Das sei das Gegenteil des Sieges der Freiheit, formuliert die FAZ. Und die Süddeutsche Zeitung hält es für „opportunistisch und gefährlich“, was der Staatsfeind Nummer zwei treibt. Das alles schreiben die deutschen „Qualitätsjournalisten“ auf X, der Plattform des Staatsfeindes Nummer eins, Elon Musk. Diese Plattform bereitet zwar ihrer Meinung nach den neuen Faschismus vor. Aber trotzdem müssen sie genau dieses X für ihren Kampf wählen, weil X der letzte Ort ist, an dem die Vertreter dieser qualvoll sterbenden Zeitungen noch ein relevantes Publikum finden. Deutscher Linker zu sein, macht in diesen Tagen keinen Spaß und lässt einem nicht viel Stolz übrig.
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