„Sichert Euch rechtzeitig die Position des Anklägers!“

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„Sichert Euch rechtzeitig die Position des Anklägers!“
Bildquelle: Tichys Einblick

Wer als heute älterer Mensch in Jugendjahren einer ordentlichen Dosis Marx ausgesetzt war – dem Hauspropheten der Linken war ja ab den späten 1960ern für lange Jahre kaum zu entkommen –, der hätte alles Mögliche angenommen. Als Juso oder DKPist zum Beispiel, dass der Klassenkampf bestimmt kommen würde, bloß etwas später als von Marx angedacht. Wer eher konservativ oder liberal tickte, war sich ziemlich sicher, dass VW-Käfer, Reihenhäuschen und rheinischer Kapitalismus die Marx’schen Visionen längst obsolet gemacht hatten.

Aber niemand, wirklich kein Schwein, hätte sich träumen lassen, dass es mal einen Klassenkampf geben würde, der von oben nach unten geführt wird. Dass eine privilegierte Klasse aus zumeist urbanen Milieus – die mittlerweile zweite Generation der durch die Institutionen Marschierenden – aus ihren krisensicheren, gutdotierten Stellungen heraus dem Rest der Gesellschaft den Stinkefinger zeigen würde.

Friede dem Zentrum, Krieg der Peripherie – auf diese Formel bringt der Autor Alexander Wendt die Strategie der Wohlgesinnten, welche die Schaltstellen der Sinnproduktion besetzt haben, um die da unten Mores zu lehren. Eine Moralbourgeoisie, angeführt von Senderfürsten, Kirchenfürsten und Stiftungsgrößen auf dem Sonnendeck, die sich bei mancherlei Unterschiedlichkeit der Interessen in einem Punkt einig ist: in der profunden Verachtung nach unten.

Alexander Wendt, das stellt sein neues Buch mit dem gleichnamigen Titel schon nach ein paar Seiten unter Beweis, ist ein Meister scharfgestellter Beschreibungen und punktgenauer Wortschöpfungen. Die laufende Übernahme der Diskurshoheit durch eine moralische Hirtenklasse bei deren gleichzeitigem Versuch, nicht genehme Meinungen in einen schalltoten Raum der Gesellschaft zu sperren, benennt er mit Enzensbergerischer Eleganz, die auf Schmähungen oder Tiraden verzichten kann. Weil eine Kaskade von Einfällen durch die Kapitel läuft, die keines Schaumes vorm Mund bedürfen.

Ja verdammt, sagt sich der Leser, genau das ist es, was die Profiteure des ökologisch-industriellen Komplexes, die Unkündbaren im Staats- und Staatsfunkdienst, die Schönfärber in den Wirtschafts- und Kulturkammern eint: der latente Glaube an die „alte Idee der Gnadenwahl der Calvinisten“ (Wendt). Wir verdienen, was wir mehr verdienen, weil wir einfach bessere, fortschrittlichere, nachhaltigere Menschen sind! Und das E-Lastenrad vom holländischen Designer für 6.000 Euro, das vor dem schneeweißen Gründerzeithaus in Hamburgs Isestraße den Gehsteig verstellt, ist unser Gesinnungsbonus.

Langen Raum nimmt der Abschnitt über die USA als Kinderstube der woken Blasen ein. Aus ihren Universitäten wurden einst die Achtundsechziger ideologisch aufmunitioniert. Hier wurde 2016 schließlich der Terminus vom „Korb der Jämmerlichen“ geprägt, mit dem Hillary Clinton bei einer New Yorker Wahlkampfspenden-Gala vor LGBT-Publikum so ungefähr die Hälfte der Amerikaner in die Tonne trat.

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