Lost in Translation

vor 3 Monaten

Lost in Translation
Bildquelle: Tichys Einblick

Am Donnerstag stand Friedrich Merz in Salzwedel auf der Bühne des Kulturhauses, beim „Tag des Lokaljournalismus“ in Sachsen-Anhalt, wenige Monate vor der Landtagswahl. Es hätte ein Auftritt werden können, bei dem ein stark angeschlagener Kanzler zeigt, dass er das Land hört. Heraus kam wieder mal ein Abend, der wirkte wie politische Simultanübersetzung ohne Übersetzer: Bürger redeten über Alltag, Kosten, Krankheit, Mobilität, Medien, Kontrollverlust. Merz antwortete in Kanzlerdeutsch, in Ausflüchten, in Belehrungen, in Lügen, in weltpolitischer Selbstzuschreibung. Beide Seiten sprechen dieselbe Sprache. Aber weder kommt bei dem einen an, um was es den Menschen geht. Noch lassen sich die anderen, die Bürger, diesen gequirlten Mist weiter als große Politik verkaufen.

Salzwedel war kein feindliches Gelände. Der Saal war nicht das tobende AfD-Herzland, das Merz später als Entschuldigung hätte heranziehen können. Rund 300 Menschen kamen ins Kulturhaus, vorausgewählt von Veranstaltern, mit gut vertretenem Bildungsbürgertum. In einer Blitzumfrage sprachen sich zwei Drittel für die sogenannte Brandmauer aus. Selbst in diesem eher freundlich-selektierten Raum bekam Merz die Lage nicht mehr gedreht. Das sagt mehr über ihn als über den Saal.

Der Abend zeigte schnell, woran diese Kanzlerschaft krankt. Die Fragen bekamen mehr Applaus als die Antworten, schreibt Olaf Gersemann bei Welt. Das Publikum war nicht gekommen, um einem Regierungschef ehrfürchtig beim Denken zuzusehen. Es hörte zu, prüfte, reagierte und merkte: Da steht ein Mann, der glaubt, er müsse nur länger erklären, damit das Land endlich begreift, wie gut es seine Politik eigentlich hat. Nur ist das Land über diesen Punkt längst hinaus.

Die Frage, was seit seinem Amtsantritt für die Bürger besser geworden sei, traf Merz deshalb so hart, weil sie jeder stellen könnte. Im Saal brach Gelächter aus. Für einen Kanzler ist das weitaus gefährlicher als jede „Hau ab“-Zwischenrufkulisse. Gelächter bedeutet: Die Bürger halten die Antwort schon vor ihrem Ausspruch für unglaubwürdig. Merz erklärte, für eine Bilanz sei es zu früh, griff dann aber doch zur Bilanz und verwies unter anderem darauf, man habe „die Nato gerettet“ und „Europa zusammengehalten“. Die Bürger fragen nach ihrem Leben. Merz antwortet mit Weltgeschichte.

Genau deshalb muss man Friedrich Merz bei jeder Gelegenheit ein Mikrofon hinstellen. Dieser Mann braucht keinen politischen Gegner, um sich maximal zu beschädigen. Er erledigt das selbst, effizienter, als jeder andere es könnte. Er bekommt eine einfache Frage nach dem Alltag der Menschen und flüchtet in außenpolitische Großformeln. Die Leute wollen wissen, warum ihr Leben teurer und schwerer wird. Merz antwortet, als säße er in einem außenpolitischen Seminar mit anschließendem Selbstlob.

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