Es ist schwer von der Hand zu weisen: Die Kultur des Westens steht in vielen Aspekten unter Beschuss von außen und zeigt zugleich innere Auflösungserscheinungen. Stichworte wie Wokeness, Identitätspolitik oder Postkolonialismus beschreiben das Phänomen hinreichend. Lassen Sie uns das Ganze hier in einer sehr grundlegenden, systemischen Dimension betrachten: das Verhältnis von Differenziertheit und Integration.
Systemisch gesehen fördern Fülle und Sicherheit Differenzierung und Individualisierung – Mangel und Bedrohung dagegen erzwingen Integration und Bildung größerer kohärenter Einheiten. Dies zeigt sich bereits auf sehr elementarer Ebene, etwa beim Schleimpilz. In nährstoffreichen Gewässern leben die Zellen des Schleimpilzes als Einzeller. Wird die Nahrung knapp, integrieren sich die Zellen zu einem vielzelligen Organismus mit Fuß, Stiel und Kopf, weil das Überleben in dieser Form effizienter zu organisieren ist. Stellt sich erneut Nahrungswohlstand ein, löst sich die Ordnung wieder auf und die nächste Generation zerfällt in Einzelzellen.
Die wichtigste Voraussetzung dieser jederzeitigen Integrationsfähigkeit in der Not ist, dass alle Zellen über einen identischen Satz an DNA verfügen: Jede Zelle enthält gewissermaßen ein identisches Bild des Ganzen und die Information, welchen Platz sie in diesem Ganzen einzunehmen hat. Und weil das so wichtig ist, gibt es zelluläre Reparaturmechanismen für Fehler in der DNA.
Dieses systemische Grundprinzip gilt auch für Gesellschaften: je höher die Integration, desto größer Effizienz und Schlagkraft. Einigkeit macht stark. Entsprechend streben Gesellschaften in Zeiten von Not und Bedrohung – oder eigenen Aggressionsabsichten – ein Höchstmaß an sozialer Integration an. Die Funktion der „sozialen DNA“ übernehmen dann Religionen respektive Ideologien.
Und auch für diese soziale DNA gibt es „Reparaturmechanismen“: Geheimpolizeien, die „Abweichler“ aufspüren und mehr oder weniger brutal auf Linie bringen, die Inquisition oder neuerdings auch Apps, die anzeigen, wie intensiv man sich mit der vorgegebenen Ideologie beschäftigt (etwa mit den Xi-Jinping-Gedanken in China).
Gleich dem beschriebenen Pilz gibt es auch für Gesellschaften in Abhängigkeit von den Umständen optimale Integrationsniveaus: In Zeiten von Wohlstand und Sicherheit kann man es lockerer nehmen, kann man Freiheit und Individualismus Raum geben. Das macht das Leben angenehmer, und bis zu einem gewissen Grad steigert es Kreativität und Produktivität der Gesellschaft. Gleichwohl muss sich die Gesellschaft natürlich Institutionen erhalten, die für eine Reproduktion und Weiterentwicklung der essenziellen Teile der sozialen DNA sorgen – idealerweise bestehend aus einem möglichst ganzheitlich-kohärenten Welt- und Menschenbild mit entsprechenden Werten und Normen, unterstützt durch passende Traditionen, Riten und Formen von Kunst und Kultur.
Wie steht es nun um diese „Leitkultur“ in den westlichen Gesellschaften? Nun, immer schon war die Geisteslandschaft des Westens fragmentiert in drei größere Teilkulturen mit einer gewissen Binnenkohärenz: das Christentum, die Geistes- und Sozialwissenschaften und die Naturwissenschaften. Schon in den 1950ern fiel das Ungute dieser Situation auf; man denke an den britischen Physiker und Schriftsteller C. P. Snow, der die Kluft zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften beklagte und die Vereinigung dieser „Zwei Kulturen“ in einer dritten herbeiwünschte. Eine nachhaltige Wirkung blieb aus. Immerhin wurde „Interdisziplinarität“ zur stehenden, aber meist unerfüllten Forderung. Aufspaltung und Differenzierung setzten sich fort.
Neue Hoffnung auf die „Einheit des Wissens“ – so der Titel eines Buchs des großen Evolutions- und Soziobiologen E.O. Wilson von 1998 – keimte mit Beginn der 1980er auf: Es wurde deutlich, dass sich die Grundprinzipien der Evolution nicht nur im Biologischen finden, sondern überall, wo sich komplexe Systeme entwickeln, auch im Bereich von Psyche, Gesellschaft und Kultur.
In Analogie zum „Gen“ popularisierte der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins den Begriff „Mem“. Immer mehr wurden Bezüge hergestellt zu Ausformungen der Systemtheorie: Selbstorganisation, nichtlineare Dynamik, Chaostheorie, fraktale Geometrie. Am 1984 gegründeten Santa Fe Institute in New Mexico führte man all dies unter dem Label „Komplexitätstheorie“ zusammen. Einige sehr gut geschriebene populärwissenschaftliche Bücher machten daraus geradezu eine kleine Modewelle – die fraktale Apfelmännchen-Figur geriet zum ikonischen T-Shirt-Aufdruck.
Ein Teil dieser Bücher wurde gefördert durch den amerikanischen Literaturagenten John Brockman, der zentrale Denker, Wissenschaftler und Kulturschaffende auf der Internetplattform edge.org zusammenführte – bis heute unter dem Rubrum „dritte Kultur“. Auch im deutschen Sprachraum feierten wichtige Wissenschaftler „Ein neues Weltbild durch die Chaosforschung“, so ein einschlägiger Buchtitel von 1993.
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