Der Karl-Eduard von Schnitzler-Preis 2024 für Propaganda und Manipulation geht an: „Correctiv“

vor etwa 1 Jahr

Der Karl-Eduard von Schnitzler-Preis 2024 für Propaganda und Manipulation geht an: „Correctiv“
Bildquelle: Tichys Einblick

Bekanntlich beginnt Politik mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Aber was tun, wenn die Wirklichkeit nicht passt? Eine der frühesten Reaktionen berichtet der griechische Historiker Herodot. Der persische Großkönig Xerxes hatte gerade eine Schiffsbrücke über den Helespont errichtet, heute meist Dardanellen benannt, um in Griechenland einzufallen. Ein Sturm machte diesen Vorstoß zunichte und zerstörte die Brücke. Voller Wut befahl Xerxes, dem Meer 300 Schläge mit der Peitsche zu verpassen. Und nebenbei den Ingenieuren den Kopf abzuschlagen.

Ohnehin war bekanntlich das Köpfen derjenigen, die ungute Botschaften übermittelten, durchaus beliebt.

Dem tobenden Meer waren die Peitschenhiebe des Xerxes ziemlich egal, jedenfalls hat Herodot nichts Gegenteiliges berichtet. Schlechte Nachrichten zu überbringen, gilt als gefährlich. Lieber täuscht man den Mächtigen. Das hat Fürst Potemkin getan, um seiner geliebten Kaiserin Russland als blühendes Land vorzutäuschen, obwohl es nur noch aus rauchenden Ruinen bestand. Man soll es nicht gewagt haben, Adolf Hitler in der Nacht der Invasion in der Normandie aufzuwecken. Hätte man ihn wach gemacht, dann hätte er vermutlich per Führerbefehl die Panzerreserve freigegeben, die möglicherweise den Landungstruppen arg zugesetzt hätte. Erich Honecker fuhr durch ein Land, dessen Häuser bis zur Höhe des ersten Stockwerks strahlend weiß gestrichen waren; jenseits der Perspektive, die ihm das Pepitahütchen im weichen Citroen sitzend ermöglichte, waren die Städte jedoch grau.

Machthaber sind umgeben von machtvollen bürokratischen Apparaten, aber diese Apparate lügen, ganz ohne künstliche Intelligenz.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, die sprichwörtlichen Potemkischen Dörfer zu enttarnen. Die eine Möglichkeit ist, die Mächtigen auszutauschen, meist zu ermorden. Das ist grausam für die Betroffenen, es kommt meist überraschend. Wer lange regiert, der neigt dazu, sich in den Schatten einer erfundenen Wirklichkeit zu bewegen. Auch Demokratie ist grausam. Morgens noch im Dienstauto, mit Blaulicht und in Begleitung eines Kommandowagens ins Bundespräsidentenpalais unterwegs, fährt man als Minister nach der Entlassung mit der Straßenbahn oder einem Uber nach Hause. Statt Luftwaffe ist Linienflieger angesagt, Frustration etwa bei Joschka Fischers damals frischgebackener Ehefrau, die einen Minister lieben gelernt und einen Loser geheiratet hat, der nur noch Air Berlin anbieten konnte, unvergessene Bilder.

Kluge Politiker verschaffen sich eigene Einblicke. Helmut Kohl lud sich zu Beginn seiner Amtszeit zum Beispiel Rentner oder Rentnerinnen vom „Bundesbüdchen“ ein und ließ sich von ihnen die Lage der Rentner erklären. Weder Sicherheitsdeinst noch Rentenpolitische Abteilung im Kanzleramt fanden dieses Hereinbrechen der nicht angemeldeten Wirklichkeit in die gestaltete Wirklichkeit der sozialpolitischen Traumpapiere amüsant.

In Berlin gibt es derlei nicht mehr. Noch mehr Gräben, noch mehr Stahlzäune, noch mehr Pracht und freigeräumte Grünflächen vergrößern die Distanz zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist. Der Neubau des Kanzleramts zerstört einen der schönsten Spazierwege Berlins an der Spree. Friedrich Merz läuft nicht Gefahr auf eine schimpfende Rentnerin zu stoßen. Die Illusionswelt wird perfektioniert.

Die zweite Möglichkeit, Wirklichkeit hereinbrechen zu lassen, ist die Erfindung von  Medien. Kontrolle der Mächtigen ist ihre eigentliche Funktion. Das nicht-gesagt-werden sollende aufzuschreiben oder zu senden. Bodo Hombach, Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder, sagte mir einmal: „Viel von dem, was man machen könnte, unterlässt man, weil man nicht darüber lesen will“.

Unsere Medienlandschaft ist nicht besonders gut geeignet, diese Kontrollfunktion weiterhin auszuüben. Es droht der Verlust eines Platzes in Air Baerbock. Die Chance, den unsicheren Arbeitsplatz in den Medien gegen einen Beamtenjob im Bundespresseamt einzutauschen, sinkt bei kritischer Betrachtung von Regierungsmitgliedern. Es ist das klebrige Gefühl der wohligen Nähe, das verpflichtet.

Nun leben wir ja in einem Land, in dem die Regierungsämter zwischen CDU und SPD herumgereicht werden. Korrektur durch Wahlen ist weniger wahrscheinlich als Verlust eines Ministeramtes durch Parteibeschluss, wie einige Damen und Herren der SPD jüngst erfahren mussten.

Medien fallen weitgehend aus. Für störende Medien gibt es den Digital Services Act der EU und neben dem Gericht in Bamberg auch nachrückende andere.

Damit wirklich nichts passieren kann, produziert man mit Hof-Medien eine eigene Wirklichkeit, die dann von den anderen befreundeten Medien übernommen werden. Konsequenterweise hat das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht nur Kritik an der Regierung, sondern auch am Mediensystem als „gesichert rechtsextrem“ unter Beobachtung gestellt. An die Stelle kritischer Medien setze man ein eigenes Mediensystem, das  regierungsamtliche Traumwelten erschafft.

Correctiv ist eine dieser Traumfabriken.

Tausende von Lesern haben diese selbsternannte  Recherche-Dings als Preisträger für den diesjährigen Schnitzlerpreis ausgewählt. Im vergangenen Jahr war Jan Böhmermann der Ausgezeichnete. Bekanntlich arbeitet er hart daran, vielleicht im kommenden Jahr wieder den Preis zu erhalten.

Aber jetzt ist es erstmal Correctiv.

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