Der resolute israelische Präventivschlag gegen das Atomprogramm der Islamischen Republik Iran, symbolträchtig „Rising Lion“ (hebräisch „Am KeLavi“, „ein Volk wie ein Löwe“) getauft, hat der Welt vorgeführt, dass mit den Juden nicht zu spaßen ist. Notfalls nehmen sie die eigene Verteidigung, auch gegen enormen Widerstand, selbst in die Hand.
Der vom Zionisten Max Nordau, einem engen Berater Theodor Herzls, heraufbeschworene „Muskeljude“ dieser Tage inkarniert durch den rechtskonservativen Benjamin Netanjahu, scheint jenen alten Typus Jude vollständig verdrängt oder jedenfalls an den Rand der Bedeutungslosigkeit verbannt zu haben, nach dem links-grüne Deutsche sich so sehr sehnen: einen vergeistigten und vielsprachigen, aber wehrlosen und geduckt durchs Leben gehenden Ghettojuden mit seiner notorischen Klezmer-Musik und liebenswürdigen Neurosen, dem sogenannten Schlemihl.
Beim Schlemihl handelt es sich um einen der Archetypen der ostjüdischen Literatur. Es ist der tollpatschige Unglücksrabe, der in ein Schlamassel nach dem andern gerät, dabei aber eine äußerst komische Figur macht. Er fand kurioserweise Eingang zunächst in die deutsche Literatur (in Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihl“, 1813, der seinen Schatten an den Teufel verschachert), während er in der ostjüdischen Sphäre einstweilen mündlich tradiert wurde; seinen nicht prototypischsten, aber wohl berühmtesten literarischen Niederschlag fand er schließlich weit später, in Scholem Alejchems Figur Tewje der Milchmann, dem bitterarmen und vom Leben mit sieben Töchtern gestraften Hiob aus dem russischen Zarenreich, der allerdings zugleich ein schlauer Pfuscher ist und noch im Angesicht von Geldnot und Verfolgung (beziehungsweise zuweilen Verfolgungswahn) seinen Humor nicht verliert. Durch die Musical-Adaption „Anatevka“ (1964; englisch „Fiddler on the Roof“) wurde dieser Schlemihl über den Umweg Broadway weltberühmt.
Die amerikanisch-jüdische Literatur mit dem Nobelpreisträger Saul Bellow und vor allem Philip Roth offerierte eine verwestlichte Variante des Schlemihls. In Roth’ Roman „Portnoys Beschwerden“ (1969) handelt es sich bei den titelgebenden Beschwerden seines Erzählers vornehmlich um solche geschlechtlicher Natur; denn mit der Kulturrevolution von 1968 rückten zunehmend die blonden, arischen Frauen in den Vordergrund, die dem Schlemihl so begehrenswert erscheinen, für ihn aber zumeist unerreichbar sind. Und wenn der gemarterte Schlemihl dann doch eine Arierin abbekommt, wittert er überall Antisemitismus, stellt sich etwa vor, wie Alvy Singer in Woody Allens Film mit dem programmatischen deutschen Titel „Der Stadtneurotiker“ (englisch „Annie Hall“, 1977), dass ihre WASP-Familie ihn insgeheim ablehnt und ihn sich als Ostjuden mit Schläfenlocken und Kaftan ausmalt.
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