Mitten im israelischen Wahlkampf eskaliert die Debatte um Verantwortung für die Katastrophe vom 7. Oktober 2023. Linke Journalisten behaupten, Premier Benjamin Netanjahu sei vor der Invasion der Hamas gewarnt worden. Der Regierungschef nennt das eine „totale Lüge“ und will die Ha’aretz-Reporter verklagen.
Fast drei Jahre nach dem „Schwarzen Shabbat“, dem größten Massaker an Juden seit der Shoah, ist noch immer nicht geklärt, wie es zu dem Desaster kommen konnte. Eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission wurde wegen des Krieges verschoben, doch nicht nur die Angehörigen der Opfer und Aktivisten der Gruppe „October Council“ fordern eine umfassende Aufarbeitung der Versäumnisse rund um den 7. Oktober.
Während es auf der militärischen Ebene Schuldeingeständnisse und Rücktritte gab – der Chef des Militärgeheimdienstes Aharon Haliva und der Generalstabschef Herzi Halevi räumten ihre Posten –, zeigte Ministerpräsident „Bibi“ Netanjahu kein sonderliches Interesse an einem Untersuchungsausschuss und konzentrierte sich auf den Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen und den Iran. Zweifellos sind ihm die Erfolge anzurechnen, doch entbindet ihn das nach Ansicht vieler Israelis nicht von der Aufklärung der Oktober-Katastrophe. Avigdor Kahalanis Satz „Es gibt drei Dinge, die ich nicht verstehen kann: den menschlichen Körper, das Universum und den 7. Oktober“ bringt das Gefühl vieler Israelis auf den Punkt.
Wo es an Aufklärung gebricht, sprießen Spekulationen und Verschwörungstheorien ins Kraut. Einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zufolge glauben etwa 40 Prozent der Israelis an irgendeine Variante der Theorie eines „Verrats von innen“ – also an die Behauptung, hochrangige Sicherheitsvertreter hätten von dem Angriff gewusst und darauf verzichtet, ihn zu verhindern, um die rechtsgerichtete Regierung zu stürzen. Netanjahu selbst behauptete vor wenigen Tagen, er sei an jenem Samstag nicht rechtzeitig geweckt worden, sonst hätte er die Generalmobilmachung angeordnet und das Massaker wäre verhindert worden.
Nun behaupten die Haaretz-Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval in ihrem neuen Buch „Kidnapped: 843 Days of Abandonment“, Netanjahu sei vor der Invasion persönlich vom Staatsoberhaupt der Vereinigten Arabischen Emirate gewarnt worden. Demnach warnte Mohammed bin Zajid (genannt MBZ) den Premier in Jerusalem davor, dass der Hamas-Anführer Yahya Sinwar eine größere Aktion gegen Israel plane. Ein hochrangiger Vermittler der palästinensischen Fatah-Partei, der als „Coal Eyes“ bezeichnet wird, habe sich zweimal unter vier Augen mit dem damaligen Hamas-Führer Yahya Sinwar getroffen.
Titelseite der „Ha’aretz“ mit der brisanten Story
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