Friedrich Merz leidet an Friedrich Merz

vor 3 Monaten

Friedrich Merz leidet an Friedrich Merz
Bildquelle: Tichys Einblick

Friedrich Merz hat ein neues Problem entdeckt. Nicht die Rezession, nicht die Abgabenlast, nicht die explodierenden Sozialkosten, nicht die zerfallende Glaubwürdigkeit seiner Partei, nicht die Millionen Bürger, die sich von dieser Regierung verhöhnt fühlen. Nein, Friedrich Merz leidet an Friedrich Merz. Genauer: an dem, was Menschen über Friedrich Merz im Internet schreiben.

Der Kanzler der zweiten Wahl sagt im Interview mit Spiegel, kein Bundeskanzler vor ihm habe „so etwas ertragen müssen“. Es ist alles ganz schlümm. Gemeint sind Angriffe und Herabwürdigungen in sozialen Medien. Zugleich fügt er hinzu, er beschwere sich nicht darüber. Nein, er beschwert sich nicht, der Gute. Er lässt anzeigen. Das ist die neue Kanzlerbescheidenheit: Erst die Opferpose aufbauen, dann den Staatsapparat auf Bürger loslassen, die ihm im Netz zu frech geworden sind und ihn ob seiner gefühlt Millionen gebrochenen Wahlversprechen „Pinocchio“ nennen. Kein Kanzler vor ihm hat so etwas ertragen müssen! Vielleicht hat auch einfach keiner so viel gelogen wie Friedrich, der Goldmedallien-Gewinner im Rückwärtsrudern.

Merz hat diesen Zug ins Selbstmitleid und zu größenwahnsinnigen Vergleichen schon früher gefahren. In einem Interview mit der FAS erklärte er sinngemäß, Adenauer habe es für grundlegende Entscheidungen leichter gehabt als er heute. Nach 1945 habe jede politische Entscheidung Hoffnung wecken können, vor ihm liege heute kein weißes Blatt Papier, sondern eine „blockierte Republik“. Man muss sich das merken: Der Kanzler der Rekordschulden, der gebrochenen Wahlversprechen und der schwarz-roten Verwaltung des Niedergangs stellt seine empfundenen Zumutungen rhetorisch neben Adenauers Aufbaujahre. Adenauer hatte Trümmer, Hunger, Besatzungsstatut, Westbindung und eine junge Republik. Merz hat schlechte Umfragen, wütende Bürger und ein Internet, das nicht artig klatscht.

Rund 300 Verfahren wegen Beleidigungen des Bundeskanzlers: das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hatte dem Kanzleramt aufgegeben, offenzulegen, welche Staatsanwaltschaften ermitteln und unter welchen Aktenzeichen diese Verfahren laufen. Merz präsentiert sich als Mann, der tapfer schwerste Kränkungen erduldet, während im Maschinenraum der Macht längst Aktenzeichen, Staatsanwaltschaften und § 188 StGB arbeiten. Das ist ein (schlechter) Kanzlerdarsteller mit weidwundem Ego, schlimmer als das von Lars Klingbeil, und mit vollem Zugriff auf den Behördenapparat.

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