Die Timmyfizierung Deutschlands –„Stirb langsam“ in zwei Akten

vor 2 Monaten

Die Timmyfizierung Deutschlands –„Stirb langsam“ in zwei Akten
Bildquelle: Tichys Einblick

Gerhard Henschels Standardwerk „Das Blöken der Lämmer. Die Linke und der Kitsch“, erschienen 1994 und heute nur noch antiquarisch zu ergattern, zeigte damals auf dem Titel weder ein Lamm noch einen Linken, sondern einen singenden Wal vor sinkender Sonne. Die Titelillustration des Klassikers passt aus mehreren Gründen perfekt zum Deutschland des Jahres 2026, nicht nur wegen Timmy, dem ertrunkenen Meeressäuger, der vor seinem Ableben noch eine anderthalb Millionen Euro teure und vier Wochen andauernde teure SM-Behandlung verpasst bekam.

Vermutlich ahnte selbst der ziemlich fantasiebegabte Henschel seinerzeit nicht, dass sich die Kitsch- und Ideologiekrempel-Obsession Jahrzehnte später nicht mehr nur auf das harte linke Lager beschränken würde. Die Verdrängung der Rationalität durch das Selbstgefühl findet sich heute in fast allen Milieus, sie bestimmt weite Teile von Politik und Medien und mutmaßlich auch die Zukunft dieses Landes. Davon legt der tote Timmy lebendiges Zeugnis ab, die deutsche Energiepolitik, fast jeder Tagesthemenkommentar, aber eben auch die Einlassungen äußerlich ganz normaler Bürger, die am Ostseestrand fest daran glaubten, der schon halbtote Buckelwal würde ihre nachgemachten Gesänge nicht nur hören, sondern auch dankbar aufnehmen. Der gleiche Phänotyp hält es auch für einen Erfolg, wenn deutsche Solaranlagen einen Stromüberfluss erzeugen. Dass dieser Überfluss beispielsweise am sonnigen aber verbrauchsarmen 1. Mai für eine Entsorgungsgebühr von bis zu 499 Euro pro Megawattstunde ins Ausland gedrückt wurde, damit daheim das Netz nicht zusammenbricht, halten sie a) für Zauberey der erzbösen Gaskathi in Berlin b) Desinformation oder c) ein kleines Opfer für eine übergroße Sache.

In Deutschland herrscht nämlich traditionell eine Vorliebe für Übergrößen, sobald es um Visionen, Ideen und raumgreifende Operationspläne geht. Die meisten Zeitgenossen sehen vermutlich auch kein Problem darin, a bis c gleichzeitig zu glauben.

Um die Energiewende, die wirtschaftliche und auch geistige Entwicklung des Landes besser zu verstehen, müssen wir an dieser Stelle noch kurz die Timmypassion nacherzählen. „Sie war weder kurzweilig noch langweilig, sie war eine hermetische Geschichte“ (Thomas Mann an einem anderen Ort). Am 3. März tauchte der Buckelwal vor Wismar im flachen Wasser auf, behindert durch Seile und Netzteile im Maul, die ihm aber von Helfern entfernt werden konnten. Dann legte er sich auf verschiedene Sandbänke, erst in der Timmendorfer Bucht (daher sein Name), später wieder vor Wismar und dann nahe der Insel Poel. Am 7. April geben echte Experten dem Tier nur geringe Überlebenschancen. Sie weisen auch später mehrfach darauf hin, dass ein Wal aus bestimmten Gründen immer wieder ins Flachwasser schwimmt: nämlich, um sich dort auszuruhen, weil ihm die Kraft zum Schwimmen fehlt. Bekanntlich müssen die Meeressäuger regelmäßig zum Atmen an die Oberfläche. Dieser Kraftanstrengung entgehen sie auf der Sandbank. Es handelte sich also um ein geschwächtes und höchstwahrscheinlich krankes Tier.

Nach dieser Feststellung läuft der Rummel rund um Timmy erst so richtig an. Leute, die sich als Helfer bezeichnen, verfolgen den Plan, den Buckelwal von seiner Ruhebank zu zerren und ihn dorthin zu befördern, wo er offenkundig nicht hin will, nämlich ins tiefe Wasser. Zu diesem Zweck lärmt das Retterteam um ihn herum, Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus lässt sich zu dem Wal fahren und muss ihn unbedingt anfassen. Ein Meeresbiologe macht darauf aufmerksam, dass Krach für einen Wal, der vor allem per Gehör navigiert, eine Zumutung bedeutet, und dass man Wildtiere ohne wichtigen Grund nie anfassen sollte, weil das bei ihnen einen Fluchtinstinkt auslöst, der um so mehr Stress bedeutet, wenn die geschwächte Kreatur nicht fort kann. Mittenmang gibt es auch politische Misshelligkeiten; die Bundestagsfraktion der Grünen begreift Timmys Schicksal als Auftrag und Mahnung (oder umgekehrt), während der NDR die politische Instrumentalisierung des Wals durch Rechte beklagt. Einer der Flüsterer soll angeblich oder tatsächlich Verbindung in einschlägige Kreise unterhalten. Jedenfalls muss auch bei fortgesetzter Tierquälerei die Brandmauer stehen.

Ende April verabschiedet sich die aus Hawaii angereiste Tierärztin Jenna Wallace aus Protest gegen das Herumgestümpere rund um Timmy. Einer der Aktivisten, schrieb sie später auf Facebook, sei „so sehr damit beschäftigt gewesen, sich selbst zu filmen, zu telefonieren, mit Timmy zu sprechen und ihm in die Augen zu sehen, dass das Unternehmen beinahe zum Abschluss gekommen wäre: Er hätte beinahe mit der Schiffsschraube Timmys Fluke überfahren.“ Apropos Fluke, also Heckflosse: Eines der letzten Bilder auf dem Lastkahn zeigt später ein um die Fluke geschlungenes Seil, offenbar angebracht, um ihn daran ins Wasser zu ziehen. Ein Biologe wies später darauf hin, dass nur blutige Laien so etwas tun würden: Die Fluke des Wals sei nämlich nicht mit dem Skelett verbunden, sie kann also bei Zug leicht ein- oder sogar abreißen.

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