Dass die Wahrhaftigkeit nicht zu den politischen Tugenden gehört, ist eine Binsenweisheit. Machiavelli sprach aus Erfahrung, als er den Politikern empfahl, sich keine Gelegenheit zur Lüge entgehen zu lassen. Das tun sie ja auch nicht. Wer sich daran erinnert, wie die Corona-Politiker sämtlicher Parteien eine Grippewelle dazu benutzt haben, das Volk mit getürkten Zahlen, falschen Gutachten und willkürlichen Behauptungen in die Irre zu führen, der weiß, wie es um ihre Wahrheitsliebe steht. Nicht die Wahrheit, sondern die Macht ist die Währung, in der politisch abgerechnet wird. Und die geht mit der Lüge gern Hand in Hand.
Mit dieser misslichen Lage wollte sich Jürgen Habermas nicht abfinden. Wenn schon nicht wahr oder wahrhaftig, sollte die Politik doch jedenfalls wahrheitsfähig sein; oder werden, der Weg war weit, lag ihm und seinen Freunden aber klar vor Augen. Das Mittel dazu war für Habermas die Sprache. Das öffentliche Gespräch sollte so lange fortgesetzt werden, bis die für alle verbindliche Wahrheit am Ende fast von selbst heraussprang. Sein Freund Karl-Otto Apel hatte vorgearbeitet, als er das von ihm so genannte kommunikative A piori erfand, aus dem Habermas dann seine aufwändige Theorie des kommunikativen Handelns entwickelte.
Habermas hatte seine eigene Vorstellung vom Wesen der Politik. Auch sie zählte er zu den Wissenschaften, den systematischen Handlungswissenschaften, wie er sie nannte, die nomologisches, gesetzförmiges, verbindliches Wissen produzieren, Erkenntnisse also, die nicht nur hier und heute, sondern immer und überall gelten. In vollem Ernst sprach er von den invarianten Gesetzmäßigkeiten des sozialen Handels, die, einmal entdeckt, Beachtung und Folgsamkeit nicht nur erlauben, sondern geradezu erzwingen. Knowledge is power, Wissen ist Macht, der Schlachtruf der englischen Empiristen, sollte endlich Wirklichkeit, der Forscher zum Täter werden.
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