Ich sitze an der türkisch-iranischen Grenze in einem kleinen Bretterbuden-Café. Weil ich nur einen „großen“ 100-Lira-Schein dabei hatte – umgerechnet etwa zwei Euro –, wurde mir der dampfende schwarze Tee kurzerhand geschenkt. Zwischen meinem letzten Bericht von der armenisch-iranischen Grenze und diesem Ort liegen etliche Reisetage – und erschreckend wenige Kilometer Luftlinie: Bis ins armenische Agarak sind es nur 250 Kilometer. Aber um hierher zu gelangen, musste ich über Jerewan, Tiflis und Istanbul reisen – fast 3000 zusätzliche Kilometer, der aktuellen Weltgeschichte geschuldet.
Vom Flughafen in Van und vom Vansee im äußersten Osten der Türkei aus sind es etwa achtzig Kilometer bis hierher nach Kapıköy („Razi“ auf Farsi). Die Straße führt zunächst aus der Stadt hinaus und schlängelt sich dann stetig hinauf ins türkisch-armenische Hochland. Sie ist gut ausgebaut, fast durchgehend breit und neu. Die Landschaft links und rechts liegt noch tief im Winter. Schneebedeckte Hänge schimmern perlmuttartig im Sonnenlicht. Hinter fast jeder Bergkurve öffnet sich der Blick auf einen hellblauen See. Über allem ein Himmel, klar und stahlblau wie an den schönsten Wintertagen. Das Licht ist so hell und grell, dass Berge und Täler schwarz in scharf geschnittenen Konturen erscheinen.
Am türkisch-iranischen Grenzübergang selbst herrscht ein gemächliches Kommen und Gehen. In der teppichbehangenen Teestube sitzt mit mir ein gutes Dutzend Reisende aus dem Iran. In der Mitte bollert ein Kanonenofen. Frauen mit Hund, Familien mit Kindern, Menschen mit schweren Taschen lassen sich zwischen Rollkoffern und Rucksäcken auf Fensterbänken oder kleinen Hockern nieder und warten auf ihre Busse oder Taxis, die draußen in langen Reihen stehen. Ist das schon der Beginn des befürchteten großen Trecks über die Türkei in Richtung Europa? Viele Frauen reisen mit ihren Müttern oder Familien, meist westlich gekleidet, oft ohne Kopftuch. Kinder laufen zwischen den wartenden Gruppen umher. In einem regelmäßigen Rhythmus, etwa alle dreißig Minuten, kommen neue Gruppen von der iranischen Seite herüber – jeweils dreißig bis fünfzig Menschen. Wer hier schon beginnt hochzurechnen, für den könne sich die Summen schnell zu einem Problem auftürmen. Aber für wen?
Ein leiser, steter Strom über diese Grenze. Nur wenige Menschen zieht es in die Gegenrichtung Iran. Die, die jetzt hinübereilen, sind noch verschlossener als jene, die ankommen. Meldungen der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sprechen von rund zweitausend Grenzgängern täglich in beide Richtungen – einem ausgeglichenen Verhältnis. Das kann ich vor Ort nicht bestätigen.
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