Es gibt Tage, an denen jeder noch weiß, wo er war, als ihn die Nachricht erreichte. An dem Tag war ich beruflich in München und lernte genau dann, während die Bilder des Anschlags auf den Nordturm des World Trade Centers auf einem Screen gezeigt wurden, eine andere junge Frau namens Sofia kennen. Genau gleich geschrieben. Mit dem gleichen zweiten Vornamen, den meine Eltern mir damals geben wollten. Mit dem gleichen Steiff-Stofftier aufgewachsen. Die seltsame Synchronizität der Ereignisse.
Der 11. September 2001 ist für mehrere Generationen ein solcher Tag. Man weiß genau, wo man in dem Moment gewesen ist, was man gemacht hat. Ein eingebrannter Stempel in der Zeit. In Deutschland war es 14.46 Uhr, als American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm des World Trade Centers raste. Die ersten Fernsehbilder liefen über die Bildschirme: schwarzer Rauch quoll aus einem der gigantischen Hochhäuser, das jeder kannte und in dem auch ich wenige Jahre zuvor gestanden hatte und auf Manhattan und die Freiheitsstatue blickte. New York, die Welthauptstadt der Freiheit und des Kapitalismus, brannte. Flammen und endlose Rauchschwaden gegen das strahlende blau eines Spätsommertaghimmels.
Zunächst flüchtete man sich noch die Möglichkeit eines Unfalls. Ein Verkehrsflugzeug, ein Navigationsfehler, eine unfassbare Verkettung. Zu ungeheuerlich die Möglichkeit, es könnte anders sein. Und während zahllose Kameras auf den brennenden Nordturm gerichtetet waren, konnte die ganze Welt live und Deutschland und 15.03 Uhr fassungslos dabei zusehen, wie United-Airlines-Flug 175 auf den Südturm zuhielt, um dort einzuschlagen. Der Feuerball schoss auf der anderen Seite des Gebäudes wieder heraus und stieg wie ein Inferno den Südturm hoch. Von diesem Augenblick an wusste jeder: Amerika wird angegriffen.
34 Minuten später traf Flug 77 das Pentagon. Um 16.03 Uhr stürzte Flug 93 bei Shanksville in Pennsylvania auf ein Feld. Dazwischen fielen in Manhattan zwei Gebäude, deren Silhouette bis dahin so selbstverständlich zu New York gehört hatte wie die Freiheitsstatue. 2.977 Menschen aus mehr als 90 Nationen wurden an diesem Morgen ermordet: 2.753 in New York, 184 am Pentagon und 40 an Bord von Flug 93. Die 19 al-Qaida-Terroristen werden in dieser Zahl nicht mitgezählt.
Niemand wusste, was als Nächstes geschehen würde. Niemand wusste, ob weitere Maschinen unterwegs waren. Menschen standen vor Fernsehern in Büros, Gaststätten und Geschäften. Ganze Straßenzüge blieben stehen. Die Vereinigten Staaten, die nach dem Ende des Kalten Krieges beinahe unangreifbar erschienen waren, wurden vor den Augen der Welt verwundet. Ich bin kein Mensch, der zu Pathos neigt. Aber an diesem Tag und in dieser Zeit danach waren Menschen der freien Welt Brüder und Schwestern. Brüder und Schwestern wurden angegriffen und verloren ihre Leben durch islamische Terroristen.
Dieser entsetzliche Tag, an entsetzlichen Schicksalen und Bildern reich, wurde im Entsetzen immer wieder ins Unermessliche gesteigert. Das bodenlose Entsetzen, dass sich in den Stockwerken über den Einschlagzonen abgespielt hat. Dort waren Tausende Menschen zur Arbeit erschienen, hatten Kaffee geholt, ihre Computer eingeschaltet und ihre ersten Telefongespräche geführt. Wenige Minuten später war für viele jeder Fluchtweg abgeschnitten.
Im Nordturm schlug Flug 11 zwischen dem 93. und 99. Stock ein. Die Treppenhäuser nach unten waren in diesem Bereich zerstört oder unpassierbar. Menschen auf den darüberliegenden Etagen waren eingeschlossen. Der Weg auf das Dach versprach ebenfalls keine Rettung. Die Türen dorthin waren verschlossen, eine planmäßige Evakuierung per Hubschrauber existierte nicht. Polizeihubschrauber prüften die Möglichkeit einer Landung oder Rettung. Rauch und extreme Hitze machten sie allerdings komplett unmöglich. Selbst unter idealen Bedingungen hätten Hubschrauber nur einen Bruchteil der Eingeschlossenen aufnehmen können.
In den Büros wurde die Luft immer schlechter. Rauch drang durch Schächte und Türen, die Hitze nahm immer stärker zu. Möbel und Teppiche brannten. Menschen schlugen Fenster ein, weil draußen wenigstens Luft war. Andere telefonierten ein letztes Mal mit ihren Familien. Manche hinterließen Nachrichten auf Anrufbeantwortern, von denen sie wussten, dass sie selbst nicht mehr zu Hause sein würden, wenn sie abgespielt wurden.
Dann erschienen die ersten Menschen aus dem Gebäudeinneren an den Fassaden.
Für viele oben gab es am Ende nur noch Möglichkeiten, die keine waren: ersticken, verbrennen – oder in die Tiefe springen. Männer lösten ihre Krawatten. Menschen hielten sich an den Händen. Einige standen minutenlang an offenen Fenstern, bevor sie verschwanden. Andere sprangen. Manche Hand in Hand.
Von unten sahen Feuerwehrleute und Menschen in aller Hilflosigkeit diese menschlichen Silhouetten gegen die gigantische Stahlfassade fallen. Menschen auf der Straße konnten nichts tun. Sie konnten hinsehen oder den Blick abwenden. Die Stürze der „Jumper“ endeten mit einem lauten Knall auf dem Asphalt oder den Dächern umliegender Gebäude. Man kann es nie mehr vergessen.
Wenn man diese Bilder einmal gesehen hat, wenn man auch nur einen Bruchteil begriffen hat, was es bedeutet, wenn man unbekannte Brüder und Schwestern von anderen Müttern und Vätern sieht, in komplett ausweglosen Situationen, aus denen es kein Entkommen gibt, treibt es einem bis in alle Zeiten einen Schlag. Ein tiefer Stoss ins Herz und Tränen in die Augen. Bis heute gelingt es mir nicht, diese Bilder aus den schlimmsten Alpträumen der Menschheitsgeschichte anzusehen und zu beschreiben, ohne dass sich mein Herz wie in einer Klammer fühlt und mein Gesicht nass ist vor Tränen.
Millionen Menschen erlebten gleichzeitig die vollständige Hilflosigkeit einer hochentwickelten Nation. Es gab Hubschrauber, Feuerwehren und eines der leistungsfähigsten Rettungssysteme der Welt. Keine dieser Einrichtungen konnte die Physik außer Kraft setzen. Hoch oben warteten Menschen auf Hilfe. Umsonst. Ausweglos. Unten wussten Tausende Retter, dass sie zu ihnen mussten. Das ist ein weiterer Grad der Erschütterung, Dieser grenzenlose Mut, der Menschen dazu befähigt, weit über sich hinaus zu gehen und zu wachsen – und den man zu tausenden in New York an diesem Tag sehen konnte.
343 Angehörige des New Yorker Fire Department verloren am 11. September ihr Leben, als sie versucht haben, andere Menschen zu retten. Dazu kamen 37 Polizisten der Port Authority und 23 Beamte des NYPD. Viele von ihnen wussten beim Betreten der Türme nicht, wie schwer die Gebäude getroffen waren. Sie sahen die Menschen, die ihnen auf den Treppen entgegenkamen. Sie hörten, welche Stockwerke brannten. Und sie stiegen weiter nach oben.
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