Die Jagd nach dem nächsten Fußballgott

vor 26 Tagen

Die Jagd nach dem nächsten Fußballgott
Bildquelle: Tichys Einblick

Alle vier Jahre sucht die Fußballwelt ihren neuen König. Nicht unbedingt den besten Spieler, sondern denjenigen, der Kinder hypnotisiert, ganze Nationen elektrisiert und selbst Erwachsene für 90 Minuten wieder zu Achtjährigen werden lässt. Früher hingen Poster von Pelé, Cruyff, Maradona, Rummenigge oder Baggio über den Betten. Heute wechseln die Idole schneller als die Handys. Und trotzdem bleibt eines gleich: Große Turniere brauchen große Helden.

Brasilien erlebt das gerade in Reinkultur. Dabei spielte das 3:0 gegen Schottland fast schon eine Nebenrolle. Vinícius traf doppelt, Cunha machte den Deckel drauf, Alisson hielt erneut die Null. Alles schön und gut. Doch anschließend sprach niemand über das Ergebnis. Ganz Brasilien sprach über einen Mann: Neymar. 981 Tage hatte die Seleção auf ihren verlorenen Sohn warten müssen. Verletzungen, Operationen, Zweifel – viele glaubten bereits, seine Geschichte im Nationaltrikot sei zu Ende erzählt. Dann nominierte Carlo Ancelotti den Superstar.

Allein diese Nachricht ließ nicht nur Brasilien aufjubeln. Lokal wie global herrschte pure Ekstase. Plötzlich war wieder dieses Knistern zu spüren, das nur ganz wenige Spieler erzeugen können. Kaum betrat Neymar in Miami den Rasen, erhoben sich die Zuschauer wie auf Kommando. Noch interessanter war jedoch, was mit seinen Mitspielern geschah. Die Pässe wurden mutiger, das Spiel leichter, die Körpersprache selbstbewusster. Manchmal verändert ein Fußballer nicht nur eine Partie, sondern den Glauben einer ganzen Mannschaft.

Trainer Ancelotti wusste genau, weshalb er seinen Zehner zurückholte. „Ney hat sich diese Rückkehr verdient“, sagte der Italiener. „Er hat professionell gearbeitet und kann uns bei dieser Weltmeisterschaft enorm helfen.“ Der Mann aus Reggiolo wirkt inzwischen fast brasilianischer als die Brasilianer selbst. Er tanzt zwar keinen Samba. Aber er hat begriffen, dass Brasilien Fußball nicht verwaltet. Brasilien zelebriert ihn. Nach Toren wird getanzt, nach Siegen gesungen.

Ancelotti lässt eine gewisse Lockerheit zu, ohne den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren: den WM-Titel. Im Sechzehntelfinale warten allerdings die unbequemen Japaner. Doch auch in Japan lieben sie Neymar. Und nach seiner Rückkehr träumt plötzlich wieder ein ganzes Land vom sechsten Stern.

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