Serbien: das Venezuela Europas

vor 10 Monaten

Serbien: das Venezuela Europas
Bildquelle: Tichys Einblick

Es geht um Macht und um Politik. Es geht um Gier und um Korruption. Es geht um Verrat und um Idealismus. Und es geht um Lithium, das leichteste Metall der Welt – und das wertvollste.

Es ist der Stoff, aus dem Thriller gemacht werden.

Doch es ist kein Roman. Diese Geschichte hier ist echt. Sie spielt im wahren Leben, und sie passiert genau jetzt, direkt vor unseren Augen – auch wenn wir es nicht merken, weil wir nicht hinsehen.

Jeder Thriller zeigt den Kampf zwischen Gut und Böse. Der Held ist nicht immerzu nur gut, und der Bösewicht ist nicht immerzu nur böse. Aber grundsätzlich sind die Rollen schon so klar verteilt, damit das Publikum nicht durcheinanderkommt.

Dragan Šolak ist der Prototyp eines Unternehmers und Selfmade-Milliardärs. Im Jahr 1990 gründete er im Alter von gerade mal 26 Jahren VANS, eine der ersten Film- und TV-Produktionsfirmen im damaligen Jugoslawien. Zehn Jahre später gründete er in seiner Heimatstadt Kragujevac im heutigen Serbien ein lokales Kabelfernsehnetz. Mit ausländischem Risikokapital machte er aus dem kleinen Netzwerk ein ziemlich großes Unternehmen: die United Group. Im Jahr 2003 führte der Konzern als erster Betreiber in Serbien schnelles Breitband ein.

Eines der wichtigsten Tochterunternehmen der United Group ist die Firma United Media. Sie betreibt unter anderem den Fernsehsender N1. Der Kabelkanal wurde 2014 gegründet und sendet rund um die Uhr Nachrichten. N1 sitzt in Belgrad und hat Schwestersender in Ljubljana (Slowenien), Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) und Zagreb (Kroatien).

Die Senderfamilie ist in ganz Südosteuropa enorm beliebt – vor allem in Serbien, denn dort ist sie fast die letzte nicht regierungsabhängige Informationsquelle. In seinem Zielgebiet, dem ehemaligen Jugoslawien, ist N1 überall im Kabelnetz empfangbar (oder besser: war empfangbar, dazu kommen wir gleich).

Über die Jahre hatte Šolak bei der United Group mehrere hochkarätige Investoren, unter anderem George Soros und zuletzt die riesige US-Beteiligungsfirma KKR (die bis vor kurzem auch große Anteile am Axel-Springer-Verlag hielt). Nie gab es Probleme – jedenfalls drangen nie welche nach draußen, was in der internationalen Medienbranche einiges heißen will.

Alle Investoren haben Šolak und die United Group natürlich auf Herz und Nieren geprüft, „due dilligence“ nennt man das im Beteiligungsgeschäft. Nie gab es Einwände. Die Investoren stiegen mit hohen Beträgen ein, blieben längere Zeit und verkauften ihre Anteile dann wieder – mit Gewinn und ohne jedes böse Wort.

So ging das 25 Jahre lang, und alle waren zufrieden: Šolak, die Investoren der United Group und die Zuschauer von N1. Bis jetzt.

Aleksandar Vučić ist eine ausschließlich politische Existenz. Schon mit 23 Jahren trat er 1993 in die (selbst für serbische Verhältnisse ultra-nationalistische) Serbische Radikale Partei SRS ein, für die er noch im selben Jahr als Abgeordneter in die Nationalversammlung gewählt wurde. Zwei Jahre später wurde er Generalsekretär der Partei. Nachdem die SRS 1996 in Belgrad Lokalwahlen gewonnen hatte, wurde er dort gutbezahlter Direktor eines städtischen Sport- und Kulturzentrums.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Im Kosovo-Krieg wurde Vučić Informationsminister unter dem Präsidenten Slobodan Milošević. Als eine seiner ersten Amtshandlungen führte er Strafgelder für regierungskritische Journalisten ein und verbot ausländische Fernsehsender. Bis 2008 war er ein entschiedener Gegner jeder Annäherung Serbiens an die EU.

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