Der Germanist und Literaturwissenschaftler Russell A. Berman, geboren 1950 in Boston, gehört zu den profundesten Deutschlandkennern der USA. Berman ist Inhaber the Walter A. Haas Professur der Geisteswissenschaften an der Stanford University, Senior Fellow der Hoover Institution und Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe Middle East and the Islamic World. In Stanford bekleidete er mehrere administrative Positionen, unter anderem als Senatsvorsitzender des Akademischen Konzils und Direktor des Stanford Overseas Studies Program. In mehreren seiner Publikationen befasste sich Berman mit der deutschen Literaturgeschichte, etwa in “Between Fontane and Tucholsky: Literary Criticism and the Public Sphere in Imperial Germany“.
Alexander Wendt: Herr Professor Berman, kürzlich erklärte der Präsident der Universität Hamburg, er sei hoch besorgt über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit in den USA und er hoffe gleichzeitig darauf, dass amerikanische Spitzenforscher wegen Donald Trump nach Deutschland kämen. Ganz ähnlich äußerte sich der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Otmar Wiestler: Er möchte Forscher aus den USA anlocken, außerdem Wissenschaftstalente, die jetzt die USA seiner Erwartung nach meiden würden. In den Vereinigten Staaten, so Wiestler, fände ein „Feldzug gegen Intellektuelle” statt. Manche deutsche Medien zeichnen sogar ein Bild eines Landes, das in die Diktatur, sogar in den Faschismus abgleitet. Sie haben lange als Germanist in Stanford gelehrt, und forschen jetzt an der Hoover Institution. Sitzen Sie in Stanford schon auf gepackten Koffern?
Russell Berman: Der einzige Koffer, auf dem ich bald sitzen werde, wäre der Koffer für meinen Sommerurlaub. Das sind schöne journalistische Märchen, die dazu dienen, Schlagzeilen zu verkaufen. Aber ernsthaft, ich kenne niemanden, der wegen der jetzigen politischen Entwicklungen auswandern will oder gar darüber nachdenkt, es zu tun. Bei jeder Wahl hierzulande gibt es vor allem bei den Hollywoodstars das Gerede: Wenn ein Republikaner gewinnt, dann ziehe ich nach Kanada, dann fahre ich auf die Bahamas oder wohin auch immer. Aber das ist bloß eine überhitzte Rhetorik, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Nun, in der Tat, es gibt jetzt eine Auseinandersetzung zwischen der Trump-Regierung und einigen wenigen Universitäten über Aspekte der Hochschulpolitik, bzw. darüber wie die Hochschulen die eigene Selbstverwaltung ausüben. Das führt allerdings nicht zu einer Auswanderungswelle. Wir haben es offenbar mit einer Selbstüberschätzung oder einer falschen Kenntnislage dieser deutschen Universitätspräsidenten zu tun, die glauben, sie würden Erfolg haben, amerikanische Koryphäen anzuheuern. Das schließe ich zwar für bestimmte Fachbereiche nicht aus, etwa in Gendertheorie oder Diversitätslehre. Aber in den Bereichen, die für die deutsche Gesellschaft und Wirtschaft wichtig wären – also Robotik, Informationstechnologie, MINT-Fächer – wird das nicht passieren. Vielleicht gibt es hier und da einen Wissenschaftler, der nach Europa heiratet oder andere private Gründe hat, auszuwandern. Aber was der Präsident aus Hamburg oder derjenige der Helmholtz-Gemeinschaft sagen, ist reiner Wunschtraum.
In dem mittlerweile beigelegten Streit zwischen der Regierung Trumps und der Columbia University, über die in der US-Presse breit berichtet wurde, ging es um den Vorwurf, die Universität habe nicht genug getan, um jüdische Studenten und Lehrkräfte ausreichend gegen Mobbing und Bedrohung zu schützen. Die Universitätsleitung räumte ein, sich in der Vergangenheit falsch verhalten zu haben, beschloss Leitlinien zum besseren Schutz von jüdischen Studenten und Lehrern und erhielt danach die von der Regierung zunächst zurückgehaltenen öffentlichen Mittel in Höhe von 400 Millionen Dollar. Etliche Akademiker kritisierten das Einlenken der Columbia allerdings als „Unterwerfung”. Harvard jedenfalls weigert sich, ähnliche Regeln gegen antisemitische Agitation auf dem Campus einzuführen. Wie konnte es überhaupt zu diesen massiven Bedrohungen und Einschüchterungen jüdischer Kommilitonen und Lehrer an Ivy-League-Universitäten nach dem 7. Oktober 2023 kommen? Normalerweise zieht dort ja schon jede Andeutung einer Minderheitsdiskriminierung schwere Konsequenzen nach sich.
Es stimmt, dass Harvard und Columbia unterschiedliche Strategien verfolgen. Aber Sie weisen auf eine wichtige und peinliche Frage hin: Wie kam es denn eigentlich zu dieser Antisemitismuswelle? Und das ist nicht nur Ihre oder meine Behauptung. Sondern Harvard und Columbia, auch meine Universität Stanford haben eigene Kommissionen ins Leben gerufen, die diesen Antisemitismus dokumentiert haben. Es gibt keinen Zweifel, dass es ein Problem gibt. Sie können diese Berichte leicht online finden. Es gibt in diesem Komplex verschiedene Aspekte. Ich nenne jetzt nur zwei: Erstens die Bereitschaft, auf Mikroaggressionen zu reagieren, galt eigentlich nur für bestimmte Minoritäten. Wenn Sie beispielsweise als Deutscher an einer amerikanischen Universität einen antideutschen Witz hören würden, hätten Sie keinen Erfolg, eine Anklage wegen Mikroaggressionen einzureichen. Es ist auch übrigens nicht nur eine Frage von Witzen und geschmacklosen Bemerkungen. Per Bundesgesetz ist Diskriminierung aufgrund der nationalen Herkunft illegal. Eben darum geht es nicht nur um Antisemitismus, sondern auch um Diskriminierung israelischer Studenten, die wegen ihrer nationalen Herkunft manchmal Anfeindungen ausgesetzt waren. Der zweite Punkt betrifft den unterschwelligen Antisemitismus, und dieses Phänomen ist nicht neu. Es ist eine traurige Komponente der Kulturgeschichte der Welt, des Westens. Man glaubte, das überwunden zu haben, aber anscheinend hat es tiefe Wurzeln. Nach den Massakern der Hamas in Israel am 7. Oktober kam der Antisemitismus jedenfalls wieder an den Tag. Man hätte nach dem furchtbaren Angriff als Reaktion eher Sympathie erwarten können, Mitgefühl, Solidarität. Und das hat es auch gegeben in manchen Kreisen. Aber – das ist meine Hypothese – der 7. Oktober zeigte Israel und damit in den Augen mancher Leute die Juden insgesamt von einer schwachen Seite. Gerade deshalb, weil Israel angegriffen wurde, weil furchtbare Gewalt gegen die Israelis ausgeführt worden ist, weil Israel schwach erschien, haben Antisemiten sozusagen Blut gerochen und sind deshalb aus ihren Höhlen herausgekrochen –und in die Zeltlager an dem Campus. Ich denke, dass es Parallelen gibt zur Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001, und zwar in dem Sinne, dass Amerika, von dem man Stärke erwartet hatte, sich verwundbar zeigte und momentan schwach. Es gibt eine sehr unschöne Seite der menschlichen Natur, nämlich jene, die Schwachen, die Opfer, die Hilflosen weiter quälen zu wollen. Man hat wohl Angst davor, den Starken anzugreifen und deshalb schlägt man nur zu, wenn man einen Verwundeten sieht. Das ist die Feigheit der Antisemiten.
An US-Hochschulen scheint es eine große Rolle gespielt zu haben, dass die Parteinahme für die Hamas und die Rechtfertigung der Massaker postkolonialistisch begründet wurden: Viele deuteten den Überfall der Hamas auf Zivilisten als Aufstand gegen die angebliche Kolonialmacht Israel – und damit Mord und Vergewaltigung als Befreiungsakt.
Ja, das ist die ideologische Einrahmung. Ich frage mich allerdings, inwiefern dieser Postkolonialismus eine Ursache des Antisemitismus ist, der sich nach dem 7. Oktober zeigte, oder ob er nur eine Art retrospektives Legitimationsmuster war. Das heißt, wer schon von vornherein antisemitisch veranlagt war, bemühte einige pseudowissenschaftliche Floskeln des Postkolonialismus als Feigenblatt. Einige genossen es offensichtlich, Antisemit zu sein. Und um das zu erklären, beschworen sie im Nachhinein die postkoloniale Theorie. Das Problem besteht darin, dass diese Theorie nicht fähig ist, den Kolonialismus an sich zu analysieren, zu kritisieren, zu beschreiben und seine wirklichen Folgen zu überwinden. Bei den allermeisten Theoretiker des Postkolonialismus geht es vor allem darum, zu sagen: Der Kolonialismus war schlechter als die Shoah, als der Holocaust. Und deshalb sollte man weniger von Shoah reden und mehr von Kolonialismus. Den Theoretikern des Postkolonialismus geht es nicht in erster Linie darum, den Kolonialismus zu analysieren, sondern den Holocaust zu minimalisieren.
Diese Erscheinung gibt es auch an deutschen Hochschulen: Der Historiker Jürgen Zimmerer beispielsweise, Professor an der schon erwähnten Universität Hamburg, meint, die Erinnerung an den Holocaust in Deutschland sollte weniger Platz einnehmen, die Beschäftigung mit den deutschen Kolonialverbrechen dafür deutlich mehr. Aber um noch einmal auf die Vorgänge an amerikanischen Universitäten zurückzukommen: Dort riefen einige radikale Studenten jüdischen Kommilitonen zu: ‘Geht nach Polen’. So, als wäre Polen das eigentliche Herkunftsland der Juden. Wissen diese Studenten von Spitzenuniversitäten tatsächlich so wenig von Geschichte? Oder handelt es sich bei diesem Slogan schlicht um eine Variante von: Ihr gehört nicht hierher?
Solche Rufe gab es. Hier in Stanford fand eine Veranstaltung statt und es kam zu einer Gegendemonstration, deren Teilnehmer riefen: Nicht geht, sondern “Go back!“ Geht zurück nach irgendwohin. Also nach Brooklyn, das heißt nach New York, zurück an die Ostküste. Natürlich können Sie nicht rufen: ‘Go to Israel’. Das wäre ja der reine Zionismus. Ein Nebeneffekt des 7. Oktober, denke ich, ist übrigens eine Verstärkung jüdischer Identifizierung mit Israel. Der Überfall der Hamas hat das zionistische Bewusstsein eher gestärkt als geschwächt. Aber zurück zum Antisemitismus: ‘Geht zurück nach Brooklyn’ ‘Geht zurück an die Ostküste’, ‘Geht zurück nach Polen’, das ist Ausdruck einer ganz bestimmten Perspektive. Wo immer sie auch sind, Juden sollten nach Meinung dieser Leute dort nicht zu Hause sein. Sie sollten verschwinden. Nun gibt es auch eine andere Lesart von ‘Geht zurück nach Polen’. Nämlich nicht die Aufforderung, zum historischen Siedlungsgebiet der jüdischen Bevölkerung im jetzigen beziehungsweise damaligen Polen zu gehen – die Geografie hat sich ja geändert, wie man weiß. Sondern: ‘Geht zurück nach Polen’ heißt eigentlich: Geht zurück nach Auschwitz.
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