Ein frustrierter PR-Mitarbeiter hat vor gut 20 Jahren Texte für eine Krankenversicherung geschrieben. Er wollte originell sein, seine Chefs standen auf das immer gleiche PR-Tralala. Also kopierte er sich aus den von den Chefs freigegebenen Texten Satzbausteine. So verfügte er über einen Fundus von sechs Word-Seiten. Die Bausteine musste er mit jedem neuen Auftrag nur anders zusammensetzen und die Chefs waren zufrieden.
Dieser Einstieg ist eine journalistische Katastrophe. Zu langsam. Zu weit weg vom Thema. Irrelevant. Persönlich. Anekdotische Evidenz ohne echte Beweiskraft. Weil er völlig unjournalistisch ist, könnte dieser Einstieg zu einer Überlebensstrategie im Journalismus werden. Denn alles Erwartbare könnten schon jetzt Programme der Künstlichen Intelligenz (KI) liefern – und damit die allermeisten Journalisten überflüssig machen.
Die Möglichkeiten der KI, Journalisten zu ersetzen, nehmen bald nochmal deutlich zu. Denn die Branche investiert in diesen Bereich, wie eine Umfrage des „Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger“ (BDZV) ergeben hat. Die Hälfte der Verlage investiert demnach in eigene Tools, also auf sie zugeschnittene Programme. Ein großer Teil des Rests setzt auf „externe Lösungen“. Das heißt: Die Verlage arbeiten mit den Angeboten, die ohnehin schon da sind. Etwa Elevenlabs.io. Dessen Abo kostet gerade mal läppische 10 Euro im Monat und ermöglicht die Vertonung von Texten mit künstlichen Stimmen, die auf die Wünsche der Kunden hin gestaltet werden. Am bekanntesten von den vorhandenen Tools dürfte ChatGPT sein, das es heute schon ermöglicht, Texte zu bauen, die nur auf der Eingabe von ein paar Schlagworten bestehen.
Im Grunde arbeiten diese KI-Systeme wie der frustrierte PR-Mitarbeiter vom Anfang des Textes. Nur schneller. Billiger. Und letztlich zuverlässiger. Texte zu wiederkehrenden Ereignissen erfordern schon heute keine menschlichen Autoren mehr. Etwa die immer gleichen Beiträge zum ersten Schnee der Saison: X von Wintereinbruch überrascht, Temperatur stürzte um Y Grad ab, wobei M Zentimeter Neuschnee fielen, was zu einer Sperrung der Z und A Kilometer Stau führte. Ein Programm müsste in den immer gleichen Satzbausteinen nur die Versalien durch die Angaben aus einer Datenquelle ersetzen und fertig wäre der Text.
Alle Texte – egal ob für Print, Ton oder Bewegtbild –, die auf einer Datenquelle beruhen, erfordern künftig keine eigenen Autoren mehr. Solche Quellen können Pressemitteilungen sein. Die Verarbeitung öffentlicher Angaben, etwa die von Wetterdienst und Polizei wie im Beispiel Wintereinbruch. Oder Themen, die ein Medium von einem anderen Medium kopiert. In manchen Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen machen diese Art von Nachrichten mitunter mehr als die Hälfte, wenn nicht sogar zwei Drittel der Berichterstattung aus. Folglich würden auch mehr als die Hälfte oder zwei Drittel der Belegschaft überflüssig.
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