Gesellschaftliche Relevanz auf Kosten der Substanz

vor 9 Monaten

Gesellschaftliche Relevanz auf Kosten der Substanz
Bildquelle: Tichys Einblick

Johann Tetzel war in den Jahren 1504–1519 der bekannteste Ablassprediger in Deutschland. Tetzel predigte im Auftrag der Römischen Kirche, dass man der kommenden Erhitzung im göttlichen Fegefeuer durch einen Geldbetrag entgehen könne. „Sobald die Münze in dem Sammelkasten klingt, eure Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Damit jeder den dramatischen Ernst der Lage verstand, war auf dem Geldsammelkasten ein Teufel und ein Fegefeuer gemalt. Tetzels Geldeintreibung geschah selbstverständlich im Namen der Nächstenliebe, denn man konnte Ablassgeld auch zugunsten seiner Vorfahren und noch lebender Mitmenschen bezahlen. Es war ein lukratives Geschäftsmodell im Namen der Moral und der Hoffnung, an dem sich das Bankhaus Fugger beteiligte, bei dem die Kirche verschuldet war.

Wer denkt, das wäre Schnee von gestern, der irrt. Gut mittelalterlich-katholisch stellt 2025 ausgerechnet die evangelische Kirche zum Reformationsfest eine Ablasspredigerin auf die Kanzel in Bonn: Luisa Neubauer, die 27-jährige Vielfliegerin und Klimaaktivistin, die vor zwei Jahren im zarten Alter von 25 Jahren in der Bonner Schlosskirche den „Ökumenischen Predigtpreis für ihr Lebenswerk“ erhalten hatte. Tetzel hatte übrigens vom Papst für sein Lebenswerk den Doktor der Theologie geschenkt bekommen. Allerdings erst mit 53 Jahren.

Wie Johann Tetzel so versteht auch Neubauer die Kunst der Ablasspredigt. Ganz klassisch malt sie den Teufel und das Fegefeuer der Erderhitzung und Klimakatastrophe vor Augen. Der See Genezareth trockne aus, wodurch „selbst die heiligsten Geschichten nicht vor planetaren Krisen verschont bleiben“.

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