Auch ein Kniefall kann eine Eroberung bedeuten. Am Donnerstag reiste der türkische Geheimdienstchef Ibrahim Kalin – daneben ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste außenpolitische Berater Erdogans – in die syrische Hauptstadt Damaskus, um am Ende auch in der Umajjaden-Moschee zu beten. Er traf angeblich auch den Leiter der katarischen Staatssicherheit, Khalfan al-Kaabi, und beide führten Gespräche mit dem HTS-Anführer Ahmad asch-Schara, der noch immer besser unter seinem Kampfnamen Abu Muhammad al-Dscholani bekannt ist. Und das waren ohne Zweifel Gespräche über die politische, militärische, vielleicht sogar wirtschaftliche Zukunft Syriens.
„Ziel des Treffens ist es, Zukunftsvisionen für die syrische Realität zu entwickeln und die neue syrische Führung dazu zu bewegen, sich im arabischen, regionalen und internationalen Umfeld zu engagieren“, hieß es aus dem Umfeld der Zwei-Staaten-Mission. Engagieren? Hier scheint eher ein In-den-Dienst-Stellen gemeint. Es dürfte um Loyalitäten gegangen sein, aus denen dann Unterstützung folgt. Für außenpolitische Aktivitäten fehlt den neuen Machthabern in Aleppo, Hama, Homs und Damaskus einstweilen die Energie, vielleicht sogar die Phantasie, wie auch der HTS-Führer seit längerem versichert.
Mit das Interessanteste an dem Kalin-Treffen war, dass sich hier Geheimdienstleute trafen und nicht diplomatische Vertreter der Staaten. Ob der türkische Außenminister Hakan Fidan auch dabei war, wird verschieden berichtet. Vielleicht eine Einzelheit ohne Belang. Wie es scheint, nahm Fidan tatsächlich Termine in Ankara wahr. Schon das hebt einen Teil des Vorhangs vor dem fortgesetzten Bürgerkriegsgeschehen in Syrien. So waren es wieder einmal die „langen Finger“ und Schlapphüte, die sich hier an einer Neugestaltung Syriens versuchen, nicht die respektvollen Außenpolitiker. Katar und die Türkei sind beide eng mit dschihadistischen und salafistischen Bewegungen verbandelt – vor allem mit den Muslimbrüdern und der zugehörigen Hamas, die in beiden Ländern treue Verbündete hatte und wohl noch hat, auch wenn Katar sich dabei gerade in einer taktischen Rückzugsphase befindet.
Auch in Syrien wirken Katar und die Türkei seit langem in koordinierter Weise, wobei man den Kataris das größere Portemonnaie zutraut; aber Lage und Logistik (der Türkei) sind auch Pfunde, mit denen man wuchern kann. Diese Zusammenarbeit auf fremdem Boden könnte sich jetzt ausweiten, vielleicht gar zu einer festen Allianz mit al-Dscholani und seiner Haiʾat Tahrir asch-Scham („Organisation zur Befreiung Syriens“, HTS), die aus der salafistischen Nusra-Front und Al Qaida hervorgegangen ist. In diese Richtung deuten gewisse Gesten der Türken. So stattete Erdogan-Berater Kalin – quasi als die verlängerten Füße und Knie seines Herren – der Umajjaden-Moschee in Damaskus einen feierlichen Besuch ab, um dort zu beten. Genau das zu tun, hatte Erdogan vor einigen Jahren selbst angekündigt. Nun schickte er wie ein zweiter Moses nur seinen Abgesandten vor, anstatt selbst den heiligen Boden der Damaszener Moschee zu betreten.
Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs hatte sich Erdogan für den Fall Assads eingesetzt und ihn erhofft. Würde er sich ereignen, werde auch er wieder in der Umajjaden-Moschee beten. Es war ein symbolische Aussage, wobei das Gute ist, dass Symbolik eben nie ganz zur Eindeutigkeit gerinnt. Das gilt auch für andere Erdogan-Sprüche, etwa jenen von „wir können kommen, in der Schwärze der Nacht“, das er einigen Nachbarn immer wieder zuraunt, um ihnen zu sagen, dass die Türkei durchaus noch für Eroberungen offen ist.
Kalins, des Erdogan-Beraters, Gebet in der bedeutenden Moschee in Damaskus wird von der griechischen Tageszeitung Kathimerini als Symbol dafür angesehen, dass die Türkei nunmehr ihren „Stiefel auf syrischen Boden“ setze. In der Tat bot Verteidigungsminister Yasar Güler der neuen Führung die türkische Unterstützung und militärische Zusammenarbeit an.
Derweil verherrlicht eine Jugendstiftung, die Erdogan auch familiär nahesteht, den türkischen Präsidenten als „mächtigen Anführer“ und „Eroberer Syriens“. Das gilt als dschihadistische Rhetorik, und es geht dabei um die Jugendstiftung TÜGVA des Erdogan-Sohns Bilal. Daneben zeigt die TÜGVA gestürzte Assad-Statuen und meint dazu: „Der Sieg ist nah!“ Oder auch: „Gesegnet sei der Sieg von Damaskus.“
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