Ein Stadtbild wie der Unterarm von Heidi Reichinnek

vor etwa 1 Jahr

Ein Stadtbild wie der Unterarm von Heidi Reichinnek
Bildquelle: Tichys Einblick

Berlins Landesregierung beendet den Bau sogenannter Kiezblocks. Jedenfalls vorläufig. Auch für die Errichtung neuer Parklets stehen die Aussichten schlecht. Wer dort lebt oder dort ab und an auch Quartiere etwas abseits vom Zentrum besucht, weiß womöglich gar nicht, um welche Beiträge zur zeitgenössischen Stadtarchitektur es hier geht. Zu den Parklets, aber auch zu einigen Kiezblocks gehören erstens Sperrholzkästen, die ganz am Anfang, wenn die meisten grünen Bezirkspolitiker zur Einweihung vorbeischauen, Erde und vereinzelte Pflanzen enthalten. Ein paar Wochen später ersetzt der Lauf des Metropolenlebens beides durch einen Querschnitt aller Materialien, die sich auf dem Fußweg einer durchschnittlichen zentrumsfernen Berliner Straße finden.

Diese Füllmasse bleibt dann dauerhaft. Die Kästen kommen in Kombination mit hölzernen Paletten vor, auf denen die Berliner nach dem Willen der Konstrukteure ein mediterranes Leben nachstellen sollen. Kiezblocks wiederum bestehen aus dicht gesetzten Pollern (und Kästen); sie erinnern in ihrer Platzierung an nach 1945 versehentlich nicht abgebaute und irgendwann wieder frisch überpinselte Panzersperren.

Die Erwartung an ein mediterranes sommerliches Parkletleben erfüllten sich nicht so recht, und das nicht nur, weil es sich vom märkischen Sand zum Mittelmeer etwas zieht. Die Parkletsitze verhalten sich zu den weißen Stühlen eines italienischen Straßencafés ungefähr so wie der Platz am Kottbusser Tor zur Piazza Navona. Auch die kulturelle Differenz zwischen den jeweiligen Benutzern hier und da lässt sich nur schwer überbrücken. Jedenfalls nicht mit Sperrholz. Der Zweck der Holzpaletten und -kästen besteht in erster Linie darin, Parkplätze verschwinden zu lassen, während die Pollerverhaue den Autoverkehr innerhalb von Wohnvierteln weitgehend verhindern sollen, also auch den Liefer- und Serviceverkehr. Die Besatzung von Krankenwagen muss mit einem speziellen Schlüssel Poller umlegen, um durchzukommen, was die Anfahrt zu einem gewissen Nervenkitzel für Notfallpatienten macht.

Die Errichtung dieser Sperren zählt zu den Kernprojekten der Hauptstadtgrünen. Für die Parklet-Sitzgelegenheiten werben die zuständigen Stadtplaner mit dem Nebenargument, dort könnten Bewohner ohne Konsumzwang an der Straße sitzen („Parklets sind Orte der Begegnung, für alle, im öffentlichen Raum und ohne Konsumzwang – hier muss man keinen Kaffee bestellen, um etwas Zeit an der frischen Luft verbringen zu können“).

Das heißt, Parkletkunden konsumieren durchaus, wenn auch in der Regel Mit- und von mobilem Chemievertriebspersonal Vorbeigebrachtes. Dass ein Zusammenhang zwischen gewinnorientierten und deshalb einigermaßen sauberen Straßencafés auf der einen und kommunalen Bretterverschlägen ohne Kellner und Toiletten und dem damit verbundenen Ambiente anderseits herrscht, halten progressive Hauptstadtpolitiker für reine Verschwörungstheorie.

Kiezblocks kosten in der Regel einen sechsstelligen Betrag. Parklets bisweilen noch mehr, auch wenn man es ihnen nicht ansieht. Dass die einzige von den Grünen befürwortete und sogar geförderte Bautätigkeit in Berlin nun womöglich endet, trifft also erstens einen mittelgroßen und politisch gut vernetzten Wirtschaftszweig, der auf die Errichtung von noch mindestens einem Dutzend Durchfahrtsperren allein in Mitte rechnete. Außerdem natürlich die Mandatsträger selbst. Die Meldung schaffte es sogar in die Tagesschau.

Grüne Verkehrspolitiker Berlins wie Oda Hassepaß und ihre Unterstützer beklagen, die Weigerung des Senats, weitere Steuergeldmillionen in panzersperrenähnliche Konstruktionen und Holzpaletten zu stecken, würde sich gegen die Bürger richten, die sich genau diese Art von Stadtgestaltung wünschten. Es gibt zwar Anhänger von Pollerbü über den Kreis der Profiteure und ihres Vertriebspersonals hinaus. Nur eben nicht besonders viele. Gegen manche Schutzwälle zogen die Bewohner der betroffenen Viertel sogar vor Gericht, vor allem Ladeninhaber und generell Leute, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, andererseits den Berliner Verkehrsbetrieben mit Vorurteilen begegnen.

Verkehrswende, Volkswille innerhalb einiger grüner Straßenzüge und Kampf gegen geregelten Konsum bilden allerdings wie schon erwähnt nur Nebenverteidigungslinien. Als obersten und alles überwölbenden Grund dafür, dass der Block-und-Palettenausbau nicht stocken darf, nennen Oda Hassepaß und ihre Unterstützer etwas anderes: Schönheit. Sie empfinden diese architektonischen Beiträge eindeutig als Aufwertung und Verbesserung der Stadt, weshalb sich für sie die Frage der Kosten gar nicht erst stellt.

Sollten andere das anders sehen, dann also aus Angst vor einer schönen Stadt. Dieses Phänomen beherrscht Berlin nun wirklich schon seit Jahrzehnten, ja möglicherweise sogar schon seit jemand die ersten Baupfähle in den Spreesumpf setzte. In jeder Gesellschaft existieren, um es einmal so neutral wie möglich zu sagen, unterschiedliche Schönheitsvorstellungen. Das stellt an sich noch kein Problem dar. Nur bestimmen eben Personen wie Frau Hassepaß die Anmutung großer Städte – und das nicht nur in Berlin – sehr viel stärker als Bürger, die Holzsitzpaletten am Straßenrand für staatlich antransportiertes Gerümpel halten, ganz im Sinne des famosen Berliner Autors Thomas Kapielski: „Müll hochbringen“.

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