Der Kunde ist König. Jedenfalls theoretisch. Dementsprechend sollte für den Journalisten sein Publikum das Maß aller Dinge sein. Jedenfalls theoretisch. Trotzdem möchte ich Sie, lieber Leser, jetzt um einen kleinen Rollentausch bitten. Nur ganz kurz, versprochen.
Bitte, versetzen Sie sich einmal in meine Lage.
Da kommt also so ein Schreiberling mehr oder weniger morgens in die Redaktion und fragt sich, was alle Werktätigen sich zu Beginn ihrer Schicht fragen: Was liegt an? Was ist zu tun? Klar, er soll berichten. Aber worüber?
Die ehrenvollste Variante ist: Er findet selbst etwas Neues heraus.
Das englische Wort „News“ bedeutet übersetzt „Neuigkeiten“. Seit im Jahr 1650 in Leipzig die erste gedruckte Zeitung der Welt erschien – die „Einkommende Zeitung“ –, haben Journalisten weltweit ein paar Jahrhunderte lang tatsächlich nach Neuigkeiten gesucht. So war der Job.
Dabei gab es ebenfalls schon immer ein gewisses Problem: Die Suche nach Neuigkeiten ist aufwändig und teuer. Um zu erfahren, wo überall etwas Neues passiert, muss man halt auch überall sein. Dafür braucht man Korrespondenten und Reporter, die sich nicht den ganzen Tag lang in der Redaktionsküche an der Kaffeemaschine festhalten, sondern die rausgehen und mit einer gewissen Spürnase Dinge auf- oder zumindest entdecken.
Und egal, wie wenig man dem einzelnen Journalisten zahlt: Ein brauchbares Korrespondenten- und Reporternetz geht mächtig ins Geld.
Das haben sich die Verleger gegönnt, solange eine Zeitung eine Art Gelddruckmaschine war. Die Zeiten sind vorbei, und sie kommen auch nicht wieder. Die Zeitung als Geschäftsmodell ist so tot wie das Papier, auf dem sie gedruckt wird (und auf dem das Geld gedruckt wird, was man mit ihr nicht mehr verdienen kann).
Deshalb werden nicht nur in Deutschland flächendeckend die Außenbüros der Zeitungen geschlossen – und nicht selten dann auch gleich die ganze Zeitung. Für Lokalberichterstattung braucht man halt Lokalreporter, aber die wollen die Verleger sich nicht mehr leisten. Überhaupt probieren die ehemaligen Zeitungs-Zaren schon seit Jahren aus, mit wie wenig Journalismus sie wohl auskommen können, bevor der letzte Leser weggelaufen ist.
Also wird gespart, was das Zeug hält. Immer öfter beliefern sogenannte Zentralredaktionen mehrere Titel eines Verlages. Das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ RND zum Beispiel sitzt in Hannover und liefert die überregionalen Inhalte für insgesamt 65 Zeitungen. In Worten: fünfundsechzig. Man muss nicht besonders böswillig sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass hier Pressevielfalt nur noch simuliert wird.
Noch einfacher macht es sich die „Süddeutsche Zeitung“ SZ: Die Münchner schreiben teilweise schon gar nicht mehr selbst, sondern schieben Meldungen der Deutschen Presse-Agentur dpa einfach eins zu eins auf die eigene Seite. Immerhin weist man auf diesen technisch sicher wertvollen Copy-and-Paste-Vorgang in einem kleinen Kästchen hin: „Dieser Text wurde automatisch von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen und von der SZ-Redaktion nicht bearbeitet.“
Die ehrenvolle Variante des Journalismus, die selbstständige Erkundung von Neuigkeiten, stirbt aus. Sie wird zentralisiert oder gleich ganz ausgelagert. Sie ist zu teuer. Das gilt nicht nur für die darbenden Kleinen, sondern auch für die bisherigen Marktführer. Wann hatte das selbsternannte Nachrichtenmagazin „Spiegel“ die letzte Exklusiv-Geschichte? Also, um Missverständnisse zu vermeiden: eine, die tatsächlich stimmte und nicht bloß erfunden war?
Deshalb sitzt unser Schreiberling nun also in der Redaktion und soll berichten, ohne selbst zu recherchieren. Wie soll er das machen?
DRAMA IN REGENSBURG: Geiseldrama beendet! SEK nimmt Verdächtigen fest - Ein Toter | STREAM










