Das unsichtbare Band

vor 3 Monaten

Das unsichtbare Band
Bildquelle: Apollo News

Ein gellender Schrei erfüllt den Geburtssaal. Das kleine Wesen, von dem ich gerade noch nur den Fuß gesehen hatte, der sich durch den von den Chirurgen gesetzten Schnitt emporstreckte, wird nun von einem Arzt im Ganzen auf dem Arm gehalten. Die Mutter ist durch die für einen Kaiserschnitt notwendige rückenmarksnahe Narkose vom Brustkorb abwärts gelähmt. Auch sie ist sehr nervös und versucht durch Kopfbewegungen, einen Blick an dem vom Narkosearzt aufgehängten Sichtschutz vorbei auf ihr Kind zu erhaschen. Gerade machen die Ärzte noch ein paar Standardtests am Neugeborenen, dann kommt der Moment, der sich wie kaum eine andere Erfahrung aus dem Medizinstudium in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Die Hebamme bringt das immer noch herzzerreißend schreiende Neugeborene zur Mutter, die Mutter spricht mit ihrem kleinen Kind, küsst es vorsichtig, streichelt es – und plötzlich ist es ganz still im Saal. Das kleine Wesen ruht seelenruhig auf der Brust der Mutter. Beide liegen still und friedlich zusammen – und für einen Moment ist selbst für mich, die die beiden beobachtet, der chaotische Krankenhausrummel ganz fern.

An diesen Moment meines Studiums musste ich denken, als in den letzten Wochen die Debatte um eine möglicherweise von Hendrik Streeck und seinem Mann in Anspruch genommene Leihmutterschaft hochkochte. Artikel über die Leihmutterschaft wurden schon viele geschrieben, aber es gibt meines Erachtens einen zentralen Aspekt, der viel zu selten betrachtet wird: dass sich medizinisch nachweisen lässt, dass eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind zentral für die psychische und körperliche Gesundheit eines Kindes ist – und das für sein ganzes Leben lang.

Die Medizin hat für die Förderung der Bindung zwischen Mutter und Kind einen eigenen, trockenen Begriff: Bonding. Er findet sich unter anderem in der aktuellen Leitlinie zur Betreuung von Neugeborenen in der Geburtsklinik der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin, in der es beispielsweise heißt, dass „Neugeborene möglichst ungestört, abgetrocknet und warm zugedeckt im direkten Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter“ überwacht werden sollen, um so das „Bonding“ zu fördern.

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