Am 10. Januar 2024 veröffentlichte das Medium Correctiv seine Potsdam-Recherche. Darin wurde das Bild einer neuen Wannsee-Konferenz konstruiert, in der eine Gruppe von AfD-Anhängern und anderen Personen die massenhafte Deportation von Ausländern und Deutschen mit Migrationshintergrund geplant haben soll. Eine reißerische Story, die zu Massenprotesten „gegen Rechts“ führte.
Carsten Brennecke ist Anwalt und Partner der Kanzlei Höcker – Deutschlands bedeutendster Kanzlei für Medienrecht. Für Ulrich Vosgerau führt er Prozesse gegen Correctiv und solche Medien, die die Potsdam-Recherche ungeprüft übernommen und verbreitet haben.
Tichys Einblick: Herr Brennecke, gab es Deportationspläne, wie von NDR, SWR und anderen Medien kolportiert wurde?
Wenn Correctiv tatsächlich nie geschrieben hat, dass Deportationen geplant wurden – wie kann es sein, dass eine Vielzahl von Journalisten offensichtlich genau das in dem Bericht gelesen hat?
Das liegt daran, dass der Correctiv-Bericht mit irreführenden Wertungen gespickt ist, die dazu geführt haben, dass Medien, Politiker und Leser in die Irre geführt wurden. Denn Correctiv hat berichtet, vom Potsdam-Treffen bleibe „ein Masterplan zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“ zurück. Das haben die Leser nachweislich so verstanden, als ob ein solcher Plan geschmiedet worden sei. Correctiv hat zudem berichtet, im Vortrag des Martin Sellner habe es eine „Ausbürgerungsidee“ gegeben. „Ausbürgerung“ bedeutet aber den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft. Deshalb haben viele den Bericht so falsch verstanden, dass in Potsdam der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft geplant worden sei.
Wie kann es sein, dass viele Medien die angeblichen Enthüllungen von Correctiv so unkritisch übernahmen?
Nun muss man zur Ehrenrettung der Journalisten sagen, dass Correctiv den Bericht unter Verstoß gegen die journalistischen Sorgfaltspflichten grob irreführend geschrieben hat. Man kann den Bericht daher durchaus missverstehen. Mein Vorwurf an die Journalisten geht daher in eine andere Richtung: Es wäre Journalisten mit einer einfachen Gegenrecherche möglich gewesen, festzustellen, dass Correctiv Falsches insinuiert. Man hätte vor der hektischen Weiterverbreitung der Correctiv-Meldung einfach nur bei Herrn Dr. Vosgerau anrufen müssen und wäre eines Besseren belehrt worden. Die vielen Medien, die die Correctiv-Behauptungen unreflektiert weiterverbreitet haben, fanden die Geschichte aber offensichtlich so gut, weil in ihre Agenda passend, dass man diese vielleicht nicht „kaputt recherchieren“ wollte.
Das Medienversagen liegt meiner Meinung nach somit nicht nur im schlechten Textverständnis vieler Medien, sondern vor allem darin, dass man mit eng anliegenden Scheuklappen ohne jede Nachrecherche blind die irreführenden Darstellungen Correctivs übernommen und sogar vielfach zugespitzt hat.
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