Die EU wollte diese Woche eigentlich einen Handelsvertrag mit vier lateinamerikanischen Staaten – Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay – abschliessen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stand bereit, um nach dem Brüsseler EU-Gipfel am Samstag nach Brasilien zu fliegen und den Vertrag dort mit den Präsidenten der Mercosur-Länder zu unterzeichnen. Doch Frankreich und Italien legten sich quer; der Termin wurde erst einmal auf Januar verschoben. Ein verheerendes Signal; schließlich hatten sich die Unterhändler der EU bereits vor einem Jahr mit ihren Mercosur-Kollegen auf den Vertragstext verständigt. Plötzlich wollen nun Frankreich, aber auch Italien und Polen schärfere Schutzmassnahmen für Europas Bauern und mehr gleiche Standards in der Produktion durchsetzen.
Man weiß nicht, was das soll. Schließlich wurde lange genug verhandelt, zumal die EU zunächst nur kleine Mengen an Agrargütern aus Lateinamerika zollfrei oder zu niedrigeren Tarifen zulassen wird. Umgekehrt öffnen auch die vier Mercosur-Staaten ihre Märkte für Güter aus der EU nur langsam. Wenn die EU jetzt bremst, läuft sie Gefahr, im geopolitischen Konflikt, den die USA, China und Russland austragen, zerrieben zu werden. Südamerika kann in dieser Gemengelage gleichzeitig Absatzmarkt, Lieferant und Verbündeter sein. Gerade Macron gibt sich bei jeder Gelegenheit gerne als überzeugter Europäer. Es wäre schön, wenn die Quertreiber in den kommenden Wochen doch noch die Kurve kriegten.
Für die US-Börsen war das, was in Europa passiert, einmal mehr irrelevant. Sie konnten sich am Freitag weiter von ihrem jüngsten Rücksetzer erholen. Eine Jahresendrally sei nach wie vor möglich, sagte ein Investmentexperte. Es herrschte unvermindert Erleichterung nach erfreulichen Inflationsdaten am Vortag. Im Blick stand obendrein der große Verfall an den Derivatebörsen. An diesem Handelstag liefen nach Schätzungen der Citigroup an Aktien, Indizes und Futures gekoppelte Kontrakte mit einem rekordhohen Nomialwert von 7,1 Billionen US-Dollar aus. Es kam aber nur zu einigen verfallsbedingten Schwankungen in Einzelwerten. Der Dow Jones Industrial stieg letztlich um 0,4 Prozent auf 48.135 Punkte. Das jüngste Rekordhoch des weltweit wohl bekanntesten Aktienindex ist nun nicht fern. Der Dow hatte es erst vor einer Woche bei 48.887 Punkten erreicht, bevor er an Kraft verloren und dann überwiegend geschwächelt hatte. Sein Verlust der vergangenen fünf Handelstage beträgt 0,7 Prozent. Der marktbreite S&P 500 gewann am Freitag 0,9 Prozent auf 6.834 Punkte. Der Nasdaq 100, der zuletzt besonders deutlich unter Gewinnmitnahmen bei KI-Infrastrukturwerten gelitten hatte, holte ebenfalls auf. Er stieg um 1,3 Prozent auf 25.346 Punkte und hat damit im bisherigen Wochenlauf um 0,6 Prozent zugelegt.
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