Der wichtigste Einwand sei schon hier erlaubt: Aus der Sicht der Gegenwart besteht die Gefahr für die Demokratie nicht in zu viel Freiheit und mangelnder Selbstbeherrschung, sondern in zu viel Machtkonzentration. Und diese Gefahr ist beides: eine Gefahr für die demokratisch verfasste Gemeinschaft und eine Gefahr für die Wahrsprecher. Das Problem kann man aus Foucaults systematischer Darstellung im ersten Teil seiner Vorlesungen selbst herauslesen: In jeder Gemeinschaft gibt es einen parrhesiastischen Vertrag, durch den sich Macht und Wahrheit gegenseitig respektieren (Foucault 1996, S. 30 f.). Ein weiser König beispielsweise duldet Wahrsprecher am Hof, die ihm sagen, was er nicht hören will.
So kann verhindert werden, was der SED-Führung in der DDR passierte: dass der König an der Realität vorbeiregiert und sich völlig in seinen Hirngespinsten der Gesellschafts-, Herrschafts- und Zweckoptimierung verrennt. Wenn er sich jedoch von seinen Leidenschaften und Emotionen hinreißen lässt, dann fällt der parrhesiastische Vertrag. Dann geraten zuerst die Wahrsprecher in große Gefahr und schließlich, über kurz oder lang, das gesamte gesellschaftliche Gefüge. Diese Gefahr der Wahrsprecher besteht nicht nur bei einem tyrannischen Monarchen, sondern im selben Maße bei entfesselter Mehrheitshysterie. Angst vor Krankheit und Katastrophen führt gegenwärtig zur Angst vor der freien Rede und besonders vor denen, die sie unerschrocken weiter praktizieren. Am Ende sollen sie schuld sein an einem gesellschaftlichen Chaos, das durch die ungebändigte Macht einer leidenschaftsgetriebenen Mehrheit entsteht.
Das Problem dabei ist aber die Allmacht des Königs bzw. der Mehrheit, nicht die Emotionalität. Im Gegenteil: Sich im entscheidenden Moment (Kairos) von einer Emotion leiten zu lassen, das ist für Wahrsprecher ein wichtiger innerer Antrieb. Bei Euripides gewann Ions Mutter ihre Kraft aus der großen Sehnsucht nach ihrem Sohn. „Denn nachdem sie von Apollon vergewaltigt und ihres Sohnes beraubt worden war, nun erfahren zu müssen, dass sie auch keine Antwort auf ihre Fragen“ nach dem Verbleib des Sohnes „bekommen wird […], das erweist sich für sie als zu viel, um es zu erdulden. […] ihre Verbitterung, ihre Verzweiflung und ihr Zorn brechen“ in einer Anklage gegen Apollon „hervor. Sie entscheidet sich, die Wahrheit zu sprechen“ (ebd. S. 52).
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