In jeder WG lebte früher dieser eine Typ: klein. Ein gewisser Hang zur Schwindsucht. Die Haut gelb vom Rauchen, die Haare nur mittellang, aber maximal ungepflegt. Er saß immer ruhig rum, oft mit den Händen um die Knie. Meist in der Küche. Aber sogar auf Partys. Starteten dort Diskussionen, erwachte er zum Leben. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann zog er sich in sein Zimmer zurück – um die Klassiker zu lesen und darin die korrekte Antwort auf die Streitfrage zu finden.
Der Typ war seltsam. Die Wahrheit in den Klassikern zu suchen, war indes lange ein konstituierender Moment der deutschen Linken: in den 68ern, aber auch in den K-Gruppen der 1970er und frühen 80er Jahre. Seinen Marx hatte man gelesen zu haben. Und seinen Lenin, seinen Engels, seinen Mao und manche sogar ihren Ho Chi Minh.
Nun muss wahrlich keiner die besagten Klassiker wertschätzen. Aber buchstäblich konnte keiner mitreden, der sie nicht gelesen hatte. Das zwang zur Lektüre, zu Gedächtnisfleiß und gab dem Spiel Regeln. Absurde zwar, gewiss, aber auch absurde Regeln sind Regeln.
Wer die heutige Linke verstehen will, ihr eigentliches Selbstbild und ihren real existierenden Zustand, der muss an dem Punkt ansetzen, dass heute keiner mehr von ihnen die Klassiker gelesen hat. Das ist bedauernswerter, als es klingt. Die Lektüre der Klassiker zwang die Linken zum beschriebenen Mindestmaß an Disziplin.
Doch mit dem Wandel der Linken seit 1978, weg von der proletarischen Arbeiterbewegung hin zur akademischen Bewegung der Woken und Klimaschützer, ging auch dieses Mindestmaß an Disziplin verloren.
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