Stahlindustrie: Der weiße Elefant an der Saar

vor etwa 2 Monaten

Stahlindustrie: Der weiße Elefant an der Saar
Bildquelle: Tichys Einblick

Die deutsche Primärstahlerzeugung steht am Scheideweg zwischen politischem Wunschbild und ökonomischer Realität. Am Fallbeispiel der saarländischen DHS-Gruppe (Dillinger Hütte/Saarstahl) und ihres Transformationsprojekts „Power4Steel“ zeichnet diese Sachstandsaufnahme ein ungeschminktes Bild des bevorstehenden Technologiewechsels.

Die Analyse dekonstruiert die realen Kostentreiber, vergleicht den theoretischen Wasserstoff-Pfad mit der fossilen Erdgas-Alternative und stellt die alles entscheidende Frage: Kann „grüner Stahl“ unter diesen Rahmenbedingungen auf dem globalen Markt jemals ohne dauerhafte staatliche Milliardensubventionen überlebensfähig sein? Oder manövriert sich die heimische Schlüsselindustrie in eine Sackgasse, an deren Ende entweder die dauerhafte Alimentierung durch den Steuerzahler oder die endgültige Kapitulation der saarländischen Roheisenerzeugung steht?

Die Krise der deutschen Primärstahlerzeugung ist kein konjunkturelles Tief, sondern ein struktureller Überlebenskampf. Auf dem globalen Parkett sieht sich die europäische Industrie einer erdrückenden Übermacht gegenüber: Während technologische Schwergewichte aus Japan und Südkorea die heimischen Werke bei den margenstarken High-End-Qualitäten unter Druck setzen, flutet China den Markt mit Billig-Massenstählen.

Staatliche Subventionen für Rohstoffe und Energie sowie das bewusste Unterlaufen jeglicher Umwelt- und Sozialstandards ermöglichen es chinesischen Anbietern, einfache Baustähle zu Exportpreisen von 400 bis 440 Euro pro Tonne anzubieten – ein Niveau, das bereits auf oder unter dem Niveau der direkten Produktionskosten hiesiger Erzeuger in der Primärstahlerzeugung liegt, welche insbesondere durch hohe Energiepreise und exzessive Bürokratie am Standort Deutschland belastet werden. Sobald man hier die europäische Klimabepreisung hinzurechnet, mutiert dieser Zustand endgültig zu einem unlösbaren ökonomischen Wettbewerbsnachteil.

Bislang konnte sich die Stahlerzeugung über die klassische Hochofenroute nur schwer über Wasser halten. Die direkten Produktionskosten in der Primärstahlerzeugung liegen bei deutschen Stahlkochern bei ca. 450 Euro pro Tonne. Dieser Wert ist jedoch keine starre Größe, sondern schwankt im Zuge der globalen Rohstoffzyklen mit den Weltmarktpreisen für Eisenerz und Kokskohle, welche die dominierenden Kostentreiber dieses Prozesses bilden.

Doch die eigentliche, existenzbedrohende Daumenschraube zieht an anderer Stelle an: Im Zuge der EU-Klimapolitik wird die kostenlose Zuteilung von CO₂-Zertifikaten bis 2034 schrittweise auf Null abgeschmolzen. Dies bedeutet in der Praxis nicht mehr und nicht weniger als das wirtschaftliche Todesurteil für die Kokskohle-Route. Ein traditioneller Hochofen emittiert ca. 1,8 Tonnen CO₂ pro Tonne Stahl. Beim aktuellen Marktpreisniveau von rund 80 Euro pro Tonne CO₂ steigen die CO₂-Kosten im Zuge des schrittweisen Zertifikate-Entzugs von heute fast null auf volle 144 Euro pro Tonne Stahl an. Durch diese zusätzliche Belastung explodieren die direkten Produktionskosten der klassischen Hochofenroute auf ca. 600 Euro pro Tonne.

Und das ist lediglich die ökonomische Untergrenze der Gegenwart: Durch das politisch forcierte Absenken der Emissions-Obergrenzen verknappt die EU das Angebot an Zertifikaten systematisch. Dieser künstlich herbeigeführte Mangel ist ein in das System einprogrammierter Preistreiber, der die Kosten für die Industrie permanent nach oben treibt. Jeder künftige Preisausschlag an den CO₂-Börsen verschärft diesen Hebel zulasten der Wettbewerbsfähigkeit der Stahlindustrie augenblicklich.

Zwar soll der Grenzausgleichsmechanismus CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) den europäischen Binnenmarkt schützen, indem Importeure dieselbe CO₂-Abgabe zahlen müssen. Doch selbst wenn dieses System weitgehend funktioniert und nicht unterlaufen wird, so bricht für den Export trotzdem eine Katastrophe herein: Auf den hart umkämpften Weltmärkten außerhalb der EU greift der europäische Grenzschutz des CBAM jedoch nicht, sodass sich europäischer Stahl dort ohne den Ausgleich der hiesigen CO₂-Mehrkosten im direkten Preiswettbewerb mit globalen Anbietern behaupten muss. Europäischer Stahl, der mit mindestens 144 Euro CO₂-Malus beladen ist, wird auf diesen Märkten bis 2034 vollständig verdrängt. Die Exportfähigkeit der deutschen Industriestandorte wird schlichtweg ausgelöscht.

Anstatt angesichts dieser Existenzbedrohung die CO₂-Belastung der heimischen Schlüsselindustrien grundsätzlich zu überdenken oder wenigstens die Verknappung der Zertifikate auszusetzen, reagiert die Politik mit einer Flucht nach vorne. Die Losung lautet: kompletter technologischer Bruch. Nicht die Entlastung des bestehenden Prozesses ist das Ziel, sondern ein erzwungener, milliardenschwerer Übergang zu einer noch gänzlich ungedeckten Infrastruktur des „grünen Stahls“.

Im Saarland sollen hierzu die klassischen, kohlebasierten Hochöfen in Dillingen durch eine Direktreduktionsanlage (DRI-Anlage) ersetzt werden. Was hier geschieht, ist ein technologischer Paradigmenwechsel: Im Gegensatz zum klassischen Hochofen wird das Eisenerz in der DRI-Anlage nicht mehr aufgeschmolzen, sondern verbleibt in festem Zustand. Bei Temperaturen von rund 800 bis 1.000 °C wird ein Reduktionsgas durch die Eisenerz-Pellets geleitet. Dieses Gas entzieht dem Erz den chemisch gebundenen Sauerstoff. Als Endprodukt entsteht ein fester Eisenschwamm, der anschließend in den nachgelagerten Elektrolichtbogenöfen (EAF) zu flüssigem Stahl eingeschmolzen wird. Die grüne Vision dabei: Wird die Anlage mit reinem Wasserstoff statt Erdgas betrieben, entsteht als Nebenprodukt der chemischen Reaktion kein CO₂, sondern schlicht reiner Wasserdampf.

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