„Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“ – Viktor Klemperer
Die Stadtbild-Debatte, sie tobt, immer noch. Am 14. Oktober lobte Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz neben Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) die Migrationspolitik der Bundesregierung. Dann sagte er den folgenreichen Satz: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen.“
Gemünzt waren die Äußerungen auf das Umfragehoch der AfD. Die Partei zu „halbieren“, wie Merz großspurig angekündigt hatte, hat bekanntlich nicht funktioniert. Ein paar Tage später legte Merz nach. Auf die Frage, was er mit der „Stadtbild“-Aussage gemeint hatte, orakelte er: „Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte. Ich vermute, Sie kriegen eine ziemlich klare und deutliche Antwort.“
Wie zu erwarten, brach der übliche Sturm links-grüner Entrüstung über Merz‘ Aussagen herein. „Töchter“ aus Politik, Medien und Wissenschaft brachten sich empört in einem Brief gegen seinen angeblichen Rassismus in Stellung. Eine Petition „Wir sind die Töchter – Rassismus nicht in unserem Namen!“ erhielt innerhalb kurzer Zeit 120.000 Unterschriften.
Linken-Chefin Heidi Reichinneck machte ein „menschenverachtendes Weltbild“ aus. In mehreren deutschen Städten demonstrierte der menschgewordene, links-grüne Homogenitätssuperlativ unter dem Motto „Wir sind das Stadtbild“. Antifa-Sympathisant Lars Klingbeil möchte die Debatte am liebsten im Keim ersticken: „Wir müssen als Politik auch höllisch aufpassen, welche Diskussion wir gerade anstoßen“, sagte er mit Blick auf Merz‘ Äußerungen.
Klingbeils Warnung war für die Katz. Denn ihre große Resonanz dürfte die Debatte dem Umstand verdanken, dass mit der Metapher des „Stadtbildes“ die Kategorie der Öffentlichkeit ins Spiel kommt; es handelt sich um ein Sprachbild, das eine gemeinsam geteilte Wahrnehmung der Bürgerschaft auf die gemeinsame öffentliche Sache (= Res Publica) hervorruft.
Die größte Gefahr an dieser Konstellation für die Deutungselite besteht darin, dass sich Bürger wechselseitig in ihrer zunehmenden Fremdheit im eigenen Land erkennen und so zu einem gemeinsam handelnden Akteur werden können, der dagegen aufbegehrt. Das muss verhindert werden, will man die extreme Migrationsagenda weiter betreiben. Deshalb müssen umso schärfer links-grüne Sprachregelungen verteidigt werden.
Gewiss: Menschen pauschal anhand ihres äußeren Erscheinungsbildes zu kategorisieren, war noch nie eine gute Idee. Auch dann nicht, wenn jenes Erscheinungsbild in die ästhetische Schublade des „Stadtbildes“ eingepasst wird – als wären urbane Räume Bühnenbilder, auf denen es einigermaßen stimmig zugehen müsste, um genügend Theatersubventionen einstreichen zu können. Spannend ist allerdings, sich auf die Spurensuche zu begeben, warum sich Merz in einer derart verrätselten Weise geäußert hat.
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