Tichys Einblick: Herr Stüssi, was sind die größten Herausforderungen für Anleger im Jahr 2026?
Daniel Stüssi: Der weitere Anstieg der bereits hohen Staatsverschuldung vieler westlicher Länder dürfte 2026 die Marktunsicherheit erhöhen und den Handlungsspielraum der Zentralbanken erneut in den Fokus rücken. Unser Unternehmen – RealUnit – erwartet, dass sich ein Teil der Anleger schrittweise von Anleihen lösen und stärker in Sachwerte wie Gold oder wertorientierte Aktien umschichten wird. Unsere Modelle deuten auf ein Ende des Liquiditätszyklus etwa zur Jahresmitte 2026 hin. In einem solchen Umfeld könnten Risikoanlagen wie Kryptowährungen und stark wachstumsorientierte Aktien als erste unter Druck geraten, bevor sich die Korrektur auf weitere Assetklassen ausweitet. In Deutschland rechnen wir mit einer Beschleunigung der Insolvenzdynamik, da tragfähige wirtschaftspolitische Impulse außerhalb von Infrastruktur und Verteidigung bisher fehlen. Solange die Schweizerische Nationalbank ihrem Stabilitätskurs treu bleibt, dürften US-Dollar und Euro gegenüber dem Schweizer Franken weiter an Kaufkraft verlieren.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Zyklus“: Gibt es wirklich gleichbleibende Rhythmen bei Kursen und Wertentwicklungen?
Die Theorie der Zyklen besagt, dass es eine rhythmische Abfolge von Auf- und Abstiegen in der Wirtschaft gibt. Die meisten kennen den Kreditzyklus. Es gibt aber auch noch den langfristigen Kondratjew-Zyklus und den kürzer laufenden Liquiditätszyklus. Die drei Zyklen beschreiben unterschiedliche Ebenen derselben Dynamik. Der Kreditzyklus zeigt, wie Phasen leichter Kreditvergabe Wachstum antreiben und spätere Kreditverknappung Abschwünge auslöst. Der Liquiditätszyklus beschreibt, wie Zentralbanken durch mehr oder weniger Geldangebot diese Bewegungen verstärken oder dämpfen. Der Kondratjew-Zyklus bildet den sehr langen technologischen Grundrhythmus, der bestimmt, wie produktiv eine Volkswirtschaft überhaupt wachsen kann. Zusammen wirken sie wie Wellen verschiedener Größe. Ein Beispiel ist 2008: Ein überdehnter Kreditzyklus platzte, die Liquidität wurde stark ausgeweitet und leitete den nächsten langen technologischen Aufschwung ein.
Welche Zyklen überlagern sich jetzt oder gleichen sich in der Wirkung aus?
Das sind Liquiditätszyklus, Schuldenzyklus, Kondratjew-Zyklus, Hegemonialzyklus und Kriegszyklus. Immer wenn diese in der Vergangenheit konvergierten, kam es zu gewaltigen Veränderungen, wie zuletzt zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Unsere Szenarioanalysen deuten in den nächsten drei Jahren auf erhöhte Rückschlagrisiken an den globalen Finanzmärkten hin. Ein professionelles Risikomanagement ist in dieser Phase sehr wichtig. Nach unserer Auffassung erhält man ein Vermögen über Generationen nicht durch eine Gewinnmaximierung in ruhigen Zeiten, sondern indem man in volatilen Zeiten weniger verliert. Dies ist der RealUnit-Sachwertstrategie in den vergangenen 25 Jahren auch während der Finanzkrise 2008 gelungen.
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