Herr Bonelli, das Wort „Tabu“ kam erst Ende des 18. Jahrhunderts nach Europa, und zwar vom anderen Ende der Welt. Bedeutet das, dass es bis dahin keine Tabus in den europäischen Gesellschaften gegeben hat?
Mit Sicherheit gab es sie, es fehlte nur der geeignete Begriff dafür. Tabus haben in allen Kulturen schon lange vorher existiert, sind etwas zutiefst Menschliches und auch etwas ganz Normales. Das Wesen eines Tabus ist es, eine starke Abwehrreaktion auszulösen, über die dann auch gar nicht mehr nachgedacht werden muss. Gerade diese Unmittelbarkeit macht seine Wirkung aus.
Wenn alle Kulturen dieses Phänomen kennen, legt das den Schluss nahe, dass Tabus durchaus eine sinnvolle Funktion haben.
In der Tat. Eines der Hauptanliegen in meinem Buch ist es, den Unterschied zu verdeutlichen zwischen sinnvollen und sinnlosen Tabus, oder, wie wir in der Psychologie sagen, zwischen funktionalen und dysfunktionalen. Funktionale Tabus sind jene, die dem Menschen helfen, ein besseres Leben zu führen und moralische Klarheit zu finden. Ein Beispiel ist etwa das Tötungstabu, das nicht nur Gesellschaften schützt, sondern auch die individuelle Freiheit des Menschen wahrt. Im Gegensatz dazu stehen dysfunktionale Tabus, die oft willkürliche und sinnlose Beschränkungen darstellen.
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