Kein Platz für Täter: Warum Putin das Gedenken an den Gulag liquidiert

vor etwa 2 Monaten

Kein Platz für Täter: Warum Putin das Gedenken an den Gulag liquidiert
Bildquelle: Tichys Einblick

Die Website des Moskauer Gulag-Museums besteht nur noch aus drei Sätzen: „In Moskau wird ein Museum der Erinnerung eröffnet. Es wird dem Gedenken an die Opfer des Völkermords am sowjetischen Volk gewidmet sein. Die Ausstellung wird alle Phasen der Kriegsverbrechen der Nazis während des Großen Vaterländischen Krieges umfassen.“

Vier Jahre nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verkündet die Stadt Moskau das Aus für eines der ambitioniertesten Museen des Landes. Auf seiner Website gab Bürgermeister Sergej Sobjanin im Februar bekannt, dass das Gulag-Museum aufgelöst werde. An seine Stelle solle ein neues Museum treten, in dem es nicht mehr um die 18 Millionen sowjetischen Lagerinsassen geht, sondern um die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Eröffnet werden soll es am 22. Juni, dem Tag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion.

Die Schließung markiert den vorläufigen Höhepunkt einer grundlegenden Revision der russischen Geschichtspolitik. Noch 2007 besuchte Präsident Putin den stalinistischen Hinrichtungsort „Butowo-Polygon“ in Moskau. Am Rande der Massengräber erklärte er, der Terror sei die Folge von Versuchen gewesen, eine attraktive Idee über grundlegende menschliche Werte zu stellen. 2015 verabschiedete die russische Regierung dann eine ausführliche Konzeption für das Gedenken an Stalins Opfer. Darin hieß es: „Russland kann nicht vollständig ein rechtsstaatlich regierter Staat werden und eine führende Rolle in der Weltgemeinschaft übernehmen, ohne das Andenken an viele Millionen seiner Bürger zu bewahren, die Opfer politischer Repression wurden.“

Putin ordnete damals an, „zum Zweck der Verewigung der Erinnerung an die Opfer der politischen Repression“ in Moskau einen zentralen Gedenkort zu errichten. Als er die sechs Meter hohe und dreißig Meter lange „Mauer der Trauer“ 2017 einweihte, erklärte er, sie solle dazu dienen, dass „wir und unsere Nachfahren niemals die Tragödie der Repression vergessen und die Gründe, die zu ihr geführt haben“.

Zehn Jahre später wirken diese Äußerungen wie Nachrichten aus einer versunkenen Welt. Von der Notwendigkeit, an die Opfer des stalinistischen Terrors zu erinnern, ist in Russland keine Rede mehr. Im Gegenteil: Wer sich heute für die Aufarbeitung der Massenverbrechen einsetzt, läuft selbst Gefahr, verfolgt zu werden.

Schlussstrich von oben - Früherer Eingang zur Ausstellung im Moskauer Gulag-Museum

„Versuch, eine Idee über grundlegende menschliche Werte zu stellen“ – Deckengemälde in der Kirche von Butowo

Verstaatlichter Gedenkort – Das letzte authentisch überlieferte Sowjetlager Perm-36

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