Tichys Einblick: Herr Holst, Sie studierten und promovierten zur gleichen Zeit wie Frauke Brosius-Gersdorf an derselben Universität, in den 90ern in Hamburg. Kennen Sie sie persönlich?
Jan Henrik Holst: Nein, ich kenne sie nicht persönlich. Ich habe von ihrer Existenz erst aus den Medien durch die Diskussion um die Besetzung des Bundesverfassungsgerichts erfahren. Das Rechtshaus und der Philosophenturm sind benachbarte Gebäude, aber ich war fast nie im Rechtshaus, da mein Gebiet Sprachwissenschaft ist.
Der österreichische „Plagiatsjäger“ Stefan Weber wirft Brosius-Gersdorf nun Plagiate in ihrer Dissertation vor und hat dazu ein Gutachten verfasst. Sie haben sich durch dieses Gutachten durchgearbeitet.
Ja. Ich kann nur jeden mündigen Bürger ermutigen, sich selbst damit zu beschäftigen, so schwierig ist es nicht. Man braucht keinen Studienabschluss dazu. Das Gutachten ist online verfügbar.
Wie schätzen Sie die Arbeit Webers allgemein ein?
Ich bin kein uneingeschränkter Anhänger Webers. Bei seiner Beurteilung der Dissertation von Robert Habeck teile ich gewisse Urteile nicht. Dieses Werk von Robert Habeck ist zwar grottenschlecht, kann aber in einem Ermessensspielraum als Dissertation anerkannt werden. Und ich stehe nicht in dem Verdacht, ein Fan von Robert Habeck zu sein. Umso mehr besagt es also, wenn mich in diesem Fall Weber und sein Team überzeugt haben.
Weber hat vor allem einen Textvergleich vorgenommen zwischen der Dissertation von Brosius-Gersdorf und Arbeiten ihres Ehemanns Hubertus Gersdorf. Er spricht davon, dass Hubertus Gersdorf als „Ghostwriter“ für die Dissertation von Frauke Brosius-Gersdorf tätig war. Die Indizien dafür sind nicht nur gemeinsame Zitierfehler und gemeinsame „distinkte Formulierungen“, sondern vor allem auch die Tatsache, dass sich unter den Quellen der Textübereinstimmungen auch Texte befinden, die Hubertus Gersdorf bereits vor 1997 publiziert hat. Ist das nun ein Plagiatsfall?
Zunächst einmal sind zwei Dinge zu unterscheiden. Das eine ist, dass sich ganz auffällige Gemeinsamkeiten zwischen Brosius-Gersdorfs Dissertation und Gersdorfs Habilitation, aber auch anderen Arbeiten Gersdorfs, finden. Dieser Sachverhalt ist sehr schnell erkennbar und ganz eindeutig. Er impliziert auch bereits, dass etwas faul ist. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen unabhängig voneinander genau die gleichen Sätze formulieren, ist winzigklein. Das ist Mathematik. Sprachen gestatten das Formulieren von mehr Sätzen, als es Atome im Universum gibt. Auch ganz unwahrscheinlich ist, dass gleich ganze Absätze identisch formuliert werden oder zum Beispiel, dass die gleichen Zitierfehler gemacht werden. Schwieriger ist es, die genaue Kausalität zu rekonstruieren.
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