Es gibt eine Anekdote, die alles über Mario Adorf erzählt, was man wissen muss. Mitte der fünfziger Jahre sitzt ein junger Mann aus der Eifel beim Vorsprechen für seinen ersten großen Film. Der Regisseur Robert Siodmak, selbst ein Emigrant, der die Härte des Jahrhunderts kannte, mustert ihn und sagt: „Nun schaun Se mal böse.“
Adorf schaut böse. Er bekommt die Rolle des Serienmörders Bruno Lüdke in „Nachts, wenn der Teufel kam“, und von diesem Moment an ist er festgelegt: als der Mann, vor dem man sich fürchtet. Was Siodmak nicht ahnen konnte: Dieser böse Blick gehörte einem der gutmütigsten Menschen, die das deutsche Kino je hervorgebracht hat.
Mario Adorf konnte böse schauen wie kein Zweiter. Er konnte so überzeugend den Schurken geben, dass ihm Generationen von Kinogängern den Mord an Nscho-tschi persönlich übelnahmen. Er spielte Mafiosi, Patriarchen und Großkotzige mit einer Wucht, die das Mobiliar zum Wackeln brachte. Aber wenn man ihn dann in einem Interview sah, mit diesem verschmitzten Lächeln und den funkelnden Augen, merkte man sofort: Hier sieht jemand das Komische in der eigenen Bedrohlichkeit. Das Böse war bei Adorf nie langweilig, weil immer ein Augenzwinkern mitlief.
Seine Herkunft liest sich wie ein Drehbuch, das kein Produzent geglaubt hätte. Der Vater war ein italienischer Chirurg aus dem kalabrischen Siderno, verheiratet und unerreichbar. Die Mutter: eine deutsche Röntgenassistentin, die hochschwanger aus Italien in die Schweiz floh, damit man ihr das Kind nicht wegnimmt.
Drei Monate nach der Geburt in Zürich wird sie ausgewiesen und landet in Mayen in der Eifel, wo sie sich als Näherin durchschlägt. Den dreijährigen Mario gibt sie ins Kinderheim der Borromäerinnen, weil das Geld nicht reicht. Eine Kindheit, die man sich karger kaum vorstellen kann.
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