Die nordfriesische Insel Sylt hat pro Jahr rund 800.000 Übernachtungsgäste. Die wenigsten fliegen mit einem Flugzeug ein. Fast 700.000 reisen per Bahn oder Autozug über den 11,2 Kilometer langen „Hindenburgdamm“ als einzige Landverbindung von Niebüll nach Westland. Ab sofort gibt es den „Hindenburgdamm“ aber nicht mehr. Als Damm schon, aber nicht mehr als „Hindenburgdamm“. Der heißt dann total einfalls-/einfaltsreich Syltdamm.
Warum? Die Gemeinde Sylt und ein Organisationsteam haben am 1. Juni 2026 im Vorfeld des Jubiläumsjahres 2027, also des hundertsten Jahrestags der Fertigstellung des Hindenburgdamms, diese Namensänderung beschlossen. „Hindenburgdamm“ hieß der Damm ab der Einweihung im Beisein von Reichspräsident Hindenburg ab dem 1. Juni 1927. Als Hindenburg nach der ersten Fahrt auf Sylt empfangen wurde, schlug ihm der Reichsbahn-Präsident Julius Dorpmüller vor, Namenspatron zu werden.
Warum dann die Namensänderung? Weil „Hindenburg“ den Sylter Großhistorikern als „Steigbügelhalter“ Hitlers zu problematisch ist. Paul von Hindenburg (1847–1934) war vom 12. Mai 1925 bis zu seinem Tod am 2. August 1934 Reichspräsident. Am 26. April 1925 war Hindenburg zum ersten Mal, am 10. April 2032 zum zweiten Mal vom Volk (!) gewählt worden. Hindenburg ernannte Adolf Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler. Hitler hatte bei den Wahlen am 31. Juli 1932 für die NSDAP 37,3 Prozent und bei neuerlichen Wahlen am 6. November 1932 33,1 Prozent erzielt. Schließlich verhandelten hinter den Kulissen der als Reichskanzler entlassene Franz von Papen und der Medienunternehmer Alfred Hugenberg mit Adolf Hitler. Sie einigten sich auf eine Koalitionsregierung unter Führung der NSDAP. Am 1. Februar 1933 löste Hindenburg den Reichstag auf und ordnete Neuwahlen an. Mit 43,9 Prozent erhielt die NSDAP bei den Wahlen am 5. März die meisten Stimmen und wurde stärkste Kraft. Am 28. Februar 1933, am Tag nach dem Reichstagsbrand, unterzeichnete Hindenburg die Reichstagsbrandverordnung und am 23. März 1933 das Ermächtigungsgesetz. Das Weitere ist bekannt.
Heute nun wissen schlaue Leute, was Hindenburg falsch gemacht hat. Aber Hindenburgs Fehleinschätzungen verschwinden nicht, indem man seinen Namen löscht. Zukünftig wird mit dem Namen Hindenburg auch das Interesse der Syltbesucher verschwinden, mehr über die Jahre 1932, 1933 ff. zu erfahren.
Dennoch gibt es in Deutschland derzeit – noch – rund 400 Plätze, Straßen und Brücken, die den Namen Hindenburgs tragen. Aber es werden weniger. Die Stadt Münster nannte den Hindenburgplatz in Schlossplatz um. Munster machte aus der Hindenburgkaserne eine „Unteroffizier-Friederike-Krüger-Kaserne“, benannt nach einer Kämpferin in den Freiheitskriegen 1813. Münster wollte 2023 auch keine Westfälische-Wilhelms-Universität mehr, denn Pate stand hier Wilhelm II. Jetzt ist die dortige Universität als „Universität Münster“ ziemlich namenlos.
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