Finanzministerin Rachel Reeves wird den 26. November im Blick haben. An diesem Tag wird sie einen Haushalt vorlegen, den einige schon im Vorfeld als Krisenhaushalt bezeichnen. Kein Wunder, denn die finanzielle und wirtschaftliche Lage Großbritanniens ist katastrophal. Mehrere Regierungen in Folge haben sich auf eine Wirtschaftsfantasie verlassen, nach der ein Land auf ewig über seine Verhältnisse leben kann. Die Staatsverschuldung (2,8 Billionen Pfund im März 2025) nähert sich nun schnell dem Wert des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP), ohne dass es einen konkreten Plan gibt, die Verschuldung zu beenden. Versteckt unter dem inzwischen zerfledderten Deckmantel der von Reeves so geliebten Fiskalregeln haben sich die sich die Regierungen geweigert, die Ausgaben an die Steuereinnahmen einer stagnierenden Wirtschaft anzupassen.
In letzter Zeit werden jedoch kritische Stimmen laut. Kommentatoren und Wirtschaftswissenschaftler betonen, dass die ständig wachsende Verschuldung untragbar sei. Sie verweisen auf die steigenden Zinsen, die Großbritannien für langfristige Staatsanleihen zahlt und die unter den G7-Industrienationen am höchsten sind. In den Medien wird dies als sich anbahnende „Anleihemarktkrise” diskutiert.
Das bedeutet, dass die üblichen Finanzkreditgeber – Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften, Investmentfonds und Banken im In- und Ausland – immer höhere Zinsen für Kredite an den britischen Staat verlangen. Zum Teil ist dies gerechtfertigt, um die relativ höhere Inflationsrate Großbritanniens auszugleichen. Es ist aber auch ein Beweis für die wachsende Besorgnis der Investoren über die wirtschaftliche Zukunft Großbritanniens. Sie können nicht länger ignorieren, dass es keinen kohärenten Plan der Regierung gibt, um die Verschuldung unter Kontrolle zu bringen.
Liam Halligan, Kolumnist beim britischen Telegraph und Moderator des Podcasts „Planet Normal“, geht davon aus, dass Großbritannien in einer Abwärtsspirale aus hoher Verschuldung und geringem Wachstum feststeckt. Nicht nur, dass es den aufeinanderfolgenden Regierungen nicht gelungen ist, die öffentlichen Finanzen nach den enormen Ausgaben für die Corona-Lockdowns wieder ins Lot zu bringen, die derzeitige Labour-Regierung befindet sich nun auch in der gefährlichen Lage, Kredite aufnehmen zu müssen, um bestehende Schulden zu bedienen.
Warum spricht Halligan von einer Abwärtsspirale? Weil die Zahlung der Zinskosten für bestehende Schulden die heutigen Kreditaufnahmen zusätzlich erhöht. Dadurch steigt die Höhe der ausstehenden Schulden, was tendenziell zu einer weiteren Inflation der Kosten für den Schuldendienst führt, wodurch noch mehr Kredite aufgenommen werden müssen. Und so weiter und so fort. Halligan weist darauf hin, dass die Regierung im letzten Jahr 148 Milliarden Pfund aufgenommen hat, was etwa fünf Prozent des BIP entspricht. Das ist schon besorgniserregend genug. Aber mehr als zwei Drittel dieses Betrags – 105 Milliarden Pfund – wurden allein für den Schuldendienst aufgewendet. Das ist fast doppelt so viel wie die Regierung für Verteidigung ausgegeben hat.
Daher warnen Halligan und andere besonnene Ökonomen, dass Großbritannien auf eine Schuldenkrise wie in den 1970er Jahren zusteuert – das heißt, dass die Anleiheinvestoren bald keine Kredite mehr vergeben könnten. Kritiker behaupten, dass wir vor einer ähnlichen Situation stehen könnten wie die Labour-Regierung unter James Callaghan im Jahr 1976, als sie auf ein Rettungspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgreifen musste. Dass einige Kommentatoren nun diese Analogien zur Krise von 1976 ziehen, ist verständlich. Es zeigt, wie schlecht es um die öffentlichen Finanzen heute steht. Aber wie so oft können solche Analogien die historischen Besonderheiten beider Krisen, damals und heute, verschleiern.
In den vergangenen 50 Jahren hat sich viel verändert. In den 1970er Jahren beispielsweise galt Großbritannien als „kranker Mann Europas“, was das Land besonders anfällig für einen Boykott durch Finanzinvestoren machte. Heute jedoch ist Großbritannien kein Einzelfall mehr. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe ähnlich schwer angeschlagener Länder mit nicht tragfähigen Schulden – nicht zuletzt Frankreich und die USA. Beide haben noch höhere Schuldenstände und erwartete Haushaltsdefizite als Großbritannien. Außerdem sind sie politisch gleichermaßen nicht in der Lage, ihre Probleme zu lösen.
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