Immer wieder hatte der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach darauf gedrängt – am 20. Januar 2022 schließlich empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) die Corona-Boosterimpfung für Jugendliche ab zwölf Jahren. Drei bis sechs Monate nach der zweiten Anti-Covid-Injektion sollten junge Menschen die dritte Dosis mRNA von Biontech/Pfizer verabreicht bekommen. Auch das in Deutschland für Pharma-Überwachung zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) musste in der Folge eine Position zu dieser Empfehlung finden. Protokolle der Sitzungen, die NIUS exklusiv vorliegen, zeigen, dass den Experten für diese Entscheidung keine Daten aus klinischen Studien zur Verfügung standen und die Entscheidung von Behördenleiter Klaus Cichutek am Ende eine politisch motivierte war.
Es war der 18. Februar 2022 als Klaus Cichutek, damaliger Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, zur Sitzung einberief. Thema der Diskussion laut Protokoll: „PEI-interne Meinungsbildung: Erweiterung Booster-Indikation auf Jugendl. ab 12 ohne eigene Daten“.
Unter dem Stichwort „Vorbemerkungen“ heißt es in dem Dokument: „Herr Cichutek erläutert, dass die Sitzung einberufen wurde, um einen Konsens hinsichtlich der Haltung des PEI zur Erweiterung der Booster-Indikation bei Jugendlichen ab 12 Jahren für mRNA-Impfstoffe (Comirnaty und Spikevax) ohne Einreichung von Daten aus klinischen Prüfungen herzustellen. Er übergibt die Leitung der Diskussion an ...“ Der Name, der dann folgt, ist geschwärzt.
Auszug Sitzungsprotokoll
Das Problem der Behörde, die in Deutschland für die Überwachung von Medikamenten und deren Nebenwirkungen zuständig ist: Es gibt keine belastbaren Daten, um die Empfehlung der Impfkommission zu beurteilen. Im Protokoll heißt es: „Die zu besprechende Kernfrage ist, wie PEI sich zu einer Indikationserweiterung ohne Einreichung von Daten aus klinischen Prüfungen positioniert.“
Im Januar 2024 verlieh Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Klaus Cichutek, dem ehemaligen Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts (2009-2023), im Schloss Bellevue das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Die Lösung, die die Experten wählten: Eine Extrapolation – also eine Übertragung vorhandener Daten von Erwachsenen auf die Altersgruppe der Jugendlichen. Christian Wolf, unabhängiger Arzneimittelentwickler und Arzt, erklärt, wann diese Methode zum Einsatz kommt: „Die Grundvoraussetzung der Extrapolation ist es, dass eine Krankheit prinzipiell ähnlich bei Ausgangspopulation (Erwachsene) und Zielpopulation (Kinder und Jugendliche) ist.“
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