Das neue Feindbild: die Großmächte

vor 5 Monaten

Das neue Feindbild: die Großmächte
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Seit einiger Zeit zeichnet sich in der Weltpolitik und in der Weltökonomie eine neue Konstellation ab. Wir wissen nicht genau, wie diese Konstellation aussehen wird, und inwieweit es gelingen wird, zu einer stabilisierenden Ordnung dieser Konstellation zu kommen. Sicher ist, dass die große Erzählung von einer sich immer weiter angleichenden und demokratisierenden „Globalisierung“ und von einem „Sieg des Westens“ nicht haltbar ist. In der heutigen multipolaren Welt nehmen die Unterschiede zu. Nun gibt es das gängige Vorurteil, dass eine solche Welt zwangsläufig eine Welt verschärfter Konfrontationen sein muss. Dass bei jedem Konflikt ein „Flächenbrand“ droht. Und dass zu solchen Eskalationen besonders die Großmächte neigen.

Doch genau das gilt für die neue Konstellation nicht. Und auch der Generalverdacht gegen die Großmächte scheint nicht den Tatsachen gerecht zu werden. Dort, wo diese Mächte gegenwärtig ihr großes militärisches Potential einsetzen, zielt das offenbar nicht auf Eroberung von Territorien, sondern auf die Errichtung von realistischen und haltbaren Grenzen. Das gilt für die Ukraine, wo Russland die Versuche Kiews im Namen der Maidan-Revolution, alles Russische aus der Ukraine zu vertreiben, zunichte machen konnte und nun eine Abtretung von Teilgebieten und eine stabile Grenze gegen weitere Versuche eines Roll Back durchsetzen kann. Das gilt auch für das Bündnis der USA mit Israel, das sich gegen einen beginnenden Angriffskrieg, der den Gazastreifen als Aufmarschgebiet benutzte, erfolgreich abwehren konnte und nun dem weiteren Missbrauch des Gazastreifens vorbauen kann. Aber in beiden Konflikten haben militärische Erfolge weder Russland noch die USA dazu verführt, ihre Kriegsziele zu erweitern. Russland agiert innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit Europa, die USA und Israel agieren innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit der arabisch-islamischen Welt.

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass dies keine völlig eindeutigen Tendenzen sind. Die historische Chance, dass die multipolare Welt jetzt zu einer Weltordnung der stabilen Koexistenz entwickelt, kann verpasst werden. Umso wichtiger ist es, diese Chance möglichst klar zu erfassen Dabei geht es nicht darum, das Ziel der Koexistenz in den schönsten Farben auszumalen, sondern die realen Faktoren herauszuarbeiten, die in diese Richtung wirken. Und es geht auch darum, dem Ressentiment entgegenzutreten, das dem Feindbild der Großmächte zugrunde liegt.

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Die Großmächte als Feindbild – Am 25.1.2026 erschien die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit einer Titelseite, auf der die dramatische Überschrift „Der Zerreißer“ prangte. Im Untertitel war zu lesen: „Donald Trump hat die Bande Amerikas zu Europa gekappt. Das ist eine zweite Zeitenwende. Doch die Europäer müssen nicht auf der Speisekarte der rivalisierenden Großmächte landen, wenn sie sich besinnen.“ So hat die Frankfurter Allgemeine also nach „Putins Russland“ einen zweiten Großfeind der Menschheit entdeckt: „Trumps Amerika“. Der Autor, Berthold Kohler, ist nicht irgendwer, sondern einer der Herausgeber der FAZ. Und die Beschwörung einer Lage, in der „wir“ von zwei Großfeinden umgeben sind, entspricht durchaus einer verbreiteten Stimmung in Deutschland und Europa. Es geht dabei nicht nur um zwei einzelne Großmächte, sondern es wird ein generelles Vorurteil gegen alles „Große“ mobilisiert. Wenn nämlich von einer „zweiten Zeitenwende“ und von einer „Speisekarte der rivalisierenden Großmächte“ die Rede ist, ist eine neue Weltordnung gemeint, die von Mächten beherrscht wird, die überall auf der Welt auf Gebiete zugreifen. Kohler zeichnet ein Weltgemälde der Willkür:

„Im kalten Krieg hatte Amerika Moskau davon abhalten wollen und können, die rote Linie in Europa zu überschreiten. Nun aber führt Russland seit vier Jahren in Europa einen Eroberungskrieg, der unter dem Motto stehen könnte ‚Make Russia great again‘. Doch statt den russischen Imperialismus durch eine kompromisslose Unterstützung der Ukrainer aufzuhalten, gesteht Trump Putin das Recht zu, das er schließlich auch für Amerika in Anspruch nimmt: das Recht auf eine Einflusszone, in der nur der Wille der jeweiligen Großmacht zählt. Trumps Griff nach Grönland entspringt keinem anderen Geist als Putins Traum von Großrussland.“

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