Auf der Konferenz Battle for the Soul of Europe in Brüssel plädierte die Politologin Monika Bartoszewicz Anfang Dezember für einen neuen Konservatismus, der nicht nur reagiert, sondern proaktiv eine gestalterische Rolle einnimmt, um die Erneuerung Europas zu befördern. Im Interview mit TE geht sie auf die Voraussetzungen einer solchen Erneuerung ein und wendet sich gegen veraltete politische Kategorien.
Tichys Einblick: Frau Bartoszewicz, auf der Konferenz Battle for the Soul of Europe haben Sie betont, dass, wer Europa aus der Krise reißen will, nicht Systeme und Strukturen, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellen müsse. Können Sie diesen Ansatz näher erläutern?
Monika Bartoszewicz: Es geht sowohl um den Menschen als auch um die Gemeinschaft. Unsere Zivilisation ist auf das Individuum ausgerichtet, aber der Einzelne war nie ein Einzelgänger – er war immer Teil von etwas, das größer ist als eine einzelne Person.
Wenn man darüber nachdenkt, was es bedeutet, Europäer zu sein, dann liegt die Schönheit dieser Identität darin, Teil eines riesigen Gebildes zu werden, das so viel größer ist als man selbst, sozusagen eines herrlichen Gebäudes. Wenn wir Europa heute betrachten, dann haben wir diese wunderschönen Gebäude immer noch, ganz wortwörtlich sogar. Aber wenn das Gebäude leersteht, zieht jemand anderes ein, der den ursprünglichen Geist, der einst darin herrschte, nicht wiederbelebt; oder es bleiben nur Verwalter zurück, die das Erbe nur äußerlich notdürftig in Stand halten.
Wenn wir ein solches altes, ehrwürdiges Gebäude als Sinnbild für Europa betrachten, dann ist es unsere wichtigste Aufgabe, dass es wieder lebendig wird. Und das geht nicht ohne die Menschen, ohne den Einzelnen: Wer lebt in diesem Gebäude, das Europa ist? Wie leben sie? Welche Werte machen diese äußeren Strukturen lebendig, sozusagen? Das ist der Kern dessen, was wir meiner Ansicht nach wiederentdecken müssen.
Sie beziehen sich auf den heiligen Augustinus, wenn Sie sagen: „Lasst die Löwen frei“. Augustinus meinte damit die Wahrheit, die sich selbst verteidige wie ein Löwe, wenn man sie nur freilasse. Ist das auch eine Aufforderung dazu, mutiger zu sein?
Heutzutage geht es häufig um Angst. Man wirft Menschen, die sich für die Erneuerung Europas und für europäische Identität einsetzen, vor, Angst zu haben. Aber genau darum geht es nicht. Wer Angst hat, hat einen Kloß im Hals und verliert seine Stimme, du zitterst, dein Herz schlägt schnell, du kannst nicht mehr handeln.
Wenn ich also sage, dass man die Löwen freilassen soll, dann meine ich damit, man soll die Wahrheiten aussprechen, über die wir nicht mehr zu sprechen wagen, weil wir befürchten, dass uns dann jemand mit einem Etikett versieht: Man sei „rechtsextrem“ oder „populistisch“, man sei Rassist oder leide unter einer Phobie. Aber die Probleme, über die wir nicht zu sprechen wagen, können nicht mehr länger ignoriert werden.
In der politischen Landschaft Europas geht es nicht mehr um „rechtsextrem“ oder „linksextrem“. Das sind wirklich veraltete Etiketten. Mittlerweile gibt es das, was man sagen darf: das Establishment, den Mainstream. Und das, was nicht gesagt werden darf.
Welche Folgen hat das Schubladendenken, das Sie kritisieren, und was kann man dagegen tun?
Nun, ich sage: Lasst diese Löwen frei. Sagt es laut. Denn wenn ihr das nicht tut, wird es gefährlich! Die Spannungen in der Bevölkerung werden zu Gewalt führen, wenn wir nicht darüber sprechen können. Dann werden die Probleme irgendwann auf die eine oder andere Art „gelöst“, aber auf eine Weise, die wir verabscheuen und ablehnen, mit Blutvergießen, wie wir es aus der Geschichte kennen. Ich weiß, das klingt sehr dystopisch.
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