Als ich meinen Bekannten von meinem Vorhaben erzählte, einer Diskussionsrunde zum Thema „Rechtsextremismus und Antisemitismus in Thüringen“ beizuwohnen, die vom RIAS Thüringen und dem Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt im Deutschen Nationaltheater in Weimar veranstaltet wurde, erntete ich meist nur fragende Blicke. Was ich mir denn davon verspräche? Tatsächlich war diese Frage berechtigt, denn die Veranstaltung ging aus einem – sagen wir einmal – progressiven Umfeld hervor, in dem wir uns nicht allzu oft bewegen. RIAS steht für „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“. Träger ist die Amadeu Antonio Stiftung, die von der öffentlichen Hand üppig alimentiert wird. So ist RIAS auch beim von der Amadeu Antonio Stiftung getragenen „Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft“ angesiedelt.
Entsprechend war die Diskussionsrunde ausgerichtet. RIAS selbst war durch Julius Gruber, der dem Bundesverband angehört, und die Amadeu Antonio Stiftung durch die Vorständin Tahera Ameer prominent vertreten. Moderiert wurde die Runde von Axel Salheiser, dem wissenschaftlichen Leiter des ebenfalls von der Amadeu Antonio Stiftung getragenen „Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft“. Man bleibt also unter sich, staatlich alimentiert und darauf eingespielt, den Mittelzufluß zu erhöhen, um echter Berufstätigkeit entgehen zu können. Julia Treumann, Bildungsreferentin und Leiterin der Internationalen Bildungsstätte der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, war die einzige Teilnehmerin ohne direkte oder indirekte Beziehung zur Amadeu Antonio Stiftung. Der Moderator stellte sie dann auch gleich als Frau aus der „Praxis“ vor.
Von dieser öffentlichen Diskussionsrunde hatte ich mir ein Aufeinandertreffen von Vertretern linksgerichteter Organisationen mit interessierten Bürgern aus Weimar und Umgebung versprochen. Thüringen erschien mir mit Zustimmungswerten von fast 40 Prozent für die AfD als besonders interessanter Versuchsballon für eine solche Diskussion und einen Test der Thesen über die den öffentlichen Diskurs dominierende, selbsternannte Moralelite. Alexander Wendt bezeichnet diese Moralelite als „Wohlgesinnte”, die „aus den eigenen guten Absichten ohne mühsame Umwege der Selbstreflexion einen Machtanspruch über die ganze Gesellschaft“ ableiten. Poschardt spricht – ebenfalls ironisierend – von „Shitbürgern” bzw. vom „Shitbürgertum, das „als Disziplinarmacht (…) in seinen Berufen im Kultur- und Medienbereich, in Kirchen und NGOs, im vorpolitischen Raum und in den Parteien über Alltag und Leben der anderen“ richtet. Placet experiri, wusste bereits Lodovico Settembrini.
Eine wirkliche Diskussion fand nämlich nicht statt – aber gerade darin bestand der Erkenntnisgewinn. Es war wie bei einem Politbüro, das vom Podium zum Volk predigte. Die erfahrenen Ideologen betonierten rasch die Leitplanken fest, innerhalb derer sich die Diskussion abspielen durfte. Im Sinne des Themenabends wurde Antisemitismus vornehmlich als Phänomen des rechten Spektrums betrachtet. Er äußere sich im rechtsextremen Spektrum offen und militant. Für Tahera Ameer, die mit wirren Gedankenketten im Stil von Rudi Dutschke glänzte, ist die AfD ohne jeden Zweifel rechtsextrem und antisemitisch.
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