In deutschen Drogeriemärkten spielt sich derzeit eine veritable Revolution ab. Medizinische Diagnostik, über Jahrhunderte ein Privileg und Alleinstellungsmerkmal von Arztpraxen und Krankenhäusern, wird dort neben Parfum, Waschmittel und Toilettenpapier einsortiert. In ausgewählten Märkten bietet der deutsche Marktführer dm seit kurzem Untersuchungen des Augenhintergrunds, hautärztliche Diagnostik und Labortests an.
Bereits seit Längerem war bekannt, dass dm bis Ende 2025 mit seiner eigenen tschechischen Online-Apotheke auch in Deutschland in den Versandhandel mit apothekenpflichtigen rezeptfreien Arzneimitteln einsteigen will. Um die Ernsthaftigkeit des Einstiegs in den Gesundheitsmarkt zu unterstreichen, wurden begleitend dazu Strukturen für das Angebot medizinischer Diagnostik aufgebaut. Möglich gemacht wurde das auch durch verschiedene Liberalisierungen im Verlauf der Corona-Politik, insbesondere im Rahmen der Medizinprodukte-Abgabeverordnung (MPAV).
Ein besonderer Tabubruch ist die Augendiagnostik. Geliefert werden gestochen scharfe Fotos der Netzhaut (Retina) im Augenhintergrund – und zwar ohne lästige Pupillenerweiterung, wie sie bei der ärztlichen Augenspiegelung erforderlich ist. Wovon vor 20 Jahren selbst hochtechnisierte Uni-Kliniken nur geträumt haben, wird jetzt – zunächst begrenzt auf einige dm-Märkte in Nordrhein-Westfalen – direkt neben dem Foto-Automaten angefertigt. Und das zu einem Preis, für den das Wort Dumping eine glatte Untertreibung darstellt: 14,95 Euro für das Kombi-Angebot von Sehtest und Netzhautfotographie.
Der dm-Partner Skleo Health bietet seine Dienstleistung auch über ausgewählte Apotheken und Optiker an, aber beide Bereiche können kaum mit den Kundenströmen in dm-Märkten konkurrieren, so dass dm und Skleo Health mit der gemeinsamen Präsentation eines hochwertigen Angebots offenbar eine klassische Win-Win-Partnerschaft eingegangen sind. Fraglich ist nur, wer außer dem Kunden bei einem Dumping-Einstiegspreis von 14,95 Euro für eine nicht nur personal- und kapitalintensive, sondern auch technisch anspruchsvolle Leistung überhaupt etwas „gewinnen“ kann. Dass dies nicht seriös kalkuliert ist, beweist auch der mit fast 50 Euro mehr als dreimal so hohe Preis für dieselbe Leistung in den 65 Läden der Optiker-Kette Mister Spex.
Der Berufsverband der Augenärzte hat sich klar gegen die dm-Initiative positioniert, allerdings mit wenig überzeugenden Argumenten. Wenn die Drogeriemarkt-Diagnostik einen krankhaften Befund zeige, müsse ja ohnehin ein Augenarzt aufgesucht werden. Und wenn fälschlicherweise ein krankhafter Befund nicht entdeckt werde, werde ein kranker Patient in falscher Sicherheit gewiegt.
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