Vielleicht ist es ein Zeichen des Klimawandels, dass die Sommerloch-Geschichten jetzt schon im Frühling kommen. Der Wal Timmy jedenfalls verschwindet nicht – weder aus der Wismarbucht noch aus den Schlagzeilen. Es hat sich ein regelrechter Wal-Kult entwickelt, bei dem die mit Abstand dümmsten Mechanismen der deutschen Öffentlichkeit bedient werden. Und es ist mittlerweile wirklich unerträglich geworden.
Man muss die Deutschen allgemein für geisteskrank halten, wenn man diese Diskussion verfolgt. Alles dreht und überdreht sich rund um dieses arme Tier, das an der Ostseeküste festhängt. Oder bewusst da ist. Oder auch nicht. Insgesamt weiß niemand so genau, was mit diesem Wal los ist. Einige meinen, er wolle sterben. Andere meinen, er müsse leben. Und viele scheinen eine spirituelle Verbindung zu diesem Wal aufgebaut zu haben.
Irgendeine Boomer-Silke schreibt in einer entsprechenden Fan-Gruppe auf Facebook, sie vernehme in letzter Zeit „wieder mehr metaphysische Zeichen“ von ihrem toten Hund, dessen Asche sie in der Ostsee verstreut hatte. Sie ist sich deswegen sicher: Ihr Hund passe auf Timmy, den Wal, auf. Angesichts solcher Bekenntnisse muss die Dunkelziffer an ernsten psychischen Erkrankungen in Deutschland bedrückend hoch sein. Andere taufen den Wal „Hope“ – Hoffnung – und schreiben auf Bildern im Netz, dass er die Welt schon besser gemacht hätte. Diese Verehrung hat schon fast etwas vom goldenen Kalb. Nur in unendlich dümmer.
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