Der Pranger vor der Haustür

vor etwa 2 Stunden

Der Pranger vor der Haustür
Bildquelle: Tichys Einblick

In der Nacht zum Donnerstag haben Unbekannte Alexander Wallasch an die Laterne gehängt. Einstweilen nur sein Bild. Schon dass dieser Zusatz einem überhaupt in den Sinn kommt, beschreibt den Zustand politischer Verrohung und zunehmender Verwahrlosung im Land deutlich.

Mehrere laminierte Plakate tauchten im unmittelbaren Wohnumfeld des unbequemen Journalisten auf. Darauf sein Gesicht, seine Internetadresse und ein QR-Code. Darüber in großen Lettern die Fragen: „Ist dein Nachbar ein Faschist?“ und „Ist dein Nachbar ein Vasall der AfD?“ Jemand hatte diese Plakate vorbereitet, ausgedruckt, laminiert und anschließend dort befestigt, wo Wallasch mit seiner Familie lebt.

Wallasch ist 2015 bis 2021 ständiger  Autor von Tichys Einblick und veröffentlichte hier weit über tausend Beiträge. Er ist ein geschätzter Kollege und schreibt weiterhin auch für TE. Man kann Wallasch widersprechen. Das geschieht häufig genug, und Wallasch selbst widerspricht anderen mindestens ebenso gern. Man kann sich bis zur Verzweiflung mit ihm prügeln und streiten. Das kann mitunter Tage andauern, wobei einem auch die heftigsten Begriffe wie Pfeile um die Ohren fliegen. Genau genommen kenne ich niemandem, mit dem man sich so unerbittlich streiten kann. Und nach diesem Messen der Kräfte und um Argumente klopfen sich beide Seiten mit ein paar Blessuren und um neue Zahnlücken reicher lachend gegenseitig wieder die Kleider glatt und staubfrei. Auf, weiter geht’s! Journalismus verträgt Streit. Und wird dadurch besser.

Was hier geschehen ist, gehört nicht mehr in diese Kategorie.

Die entscheidende Formulierung auf diesen niederträchtigen Plakaten aus dem Mindset-Playbook deutscher Diktaturen lautet nicht einmal „Alexander Wallasch ist ein Faschist“. Sie lautet: „Ist dein Nachbar ein Faschist?“ Adressat ist damit ausdrücklich das private Umfeld. Der Nachbar soll hinschauen, soll misstrauisch werden. Der Nachbar soll wissen, dass da angeblich einer unter ihm lebt, neben ihm wohnt oder morgens dieselbe Straße entlanggeht, den irgendjemand als politischen Feind markiert hat.

Publisher Logo

Dieser Artikel ist von Tichys Einblick

Klicke den folgenden Button, um den Artikel auf der Website von Tichys Einblick zu lesen.

Weitere Artikel