Es ist der klassische Vierklang totalitärer Gesellschaften: Abweichler und politische Gegner werden diffamiert und ausgegrenzt, um sie zu brechen und schließlich gesellschaftlich auszulöschen. Auch bei uns wird dieser Akkord zunehmend lauter gespielt, längst ist es salonfähig geworden, Menschen bei Arbeitgebern und Geschäftspartnern anzuschwärzen, weil sie sich in den sozialen Medien abweichend äußern, sie aus Vereinen und Freizeit-Gruppen auszuschließen, weil sie die „falsche“ Partei wählen, oder sie aus dem Freundeskreis zu „entfernen“.
Michael Ballweg erinnert sich noch gut an jene Tage im Sommer 2020, als die Kündigungen sein Postfach fluteten. Erst Bosch, dann ZF Friedrichshafen, schließlich Thyssenkrupp und HUK-Coburg. Dem Gründer der Querdenken-Bewegung ist sofort klar, warum seine Geschäftspartner nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten möchten: „Ich war gegen Lockdowns, ich war gegen staatliche Repression und ich habe Proteste dagegen organisiert.“
Für den selbständigen IT-Unternehmer bedeuten die Kündigungen das Ende seiner beruflichen Karriere. Später wird er gefangengenommen, neun Monate Einzelhaft in Stuttgart-Stammheim wegen angeblichen Betrugs und Geldwäsche, am Ende bleiben von den Vorwürfen noch 19,53 Euro nicht angegebene Umsatzsteuer für eine Hundematte und einen Parfümzerstäuber. Bis heute kommt Ballweg nicht an sein beschlagnahmtes Vermögen, kann kein Konto eröffnen. Den Grund dafür, dass Banken ihm kein Konto geben möchten, kennt Ballweg, seitdem der Vorstandsvorsitzende der Volksbank ihn vor Gericht preisgab: Wir befürchten einen Reputationsschaden. Auch AfD-Abgeordnete berichten dieser Tage immer wieder von Kontokündigungen, hier dürften die Hintergründe ähnlich gelagert sein.
Der Angeklagte Ballweg mit seinen Anwälten
Michael Ballweg ist ein Mann, der mit sanfter Stimme spricht, der immer wieder betont, man müsse Gemeinsamkeiten finden, sich für Frieden und Mitmenschlichkeit einsetzen. Trotzdem hat die Corona-Zeit auch in seinem Privat-Leben massive Spuren hinterlassen. „Mein kompletter Freundeskreis hat sich damals von mir abgewandt“, berichtet er. „Nur weil wir anderer Meinung waren, was die Corona-Maßnahmen angeht.“
Der Fall Michael Ballweg ist vor allem deshalb so eindrücklich, weil er wie eine Operation am offenen Herzen den Mechanismus der Cancel Culture in seine Einzelschritte zerlegt und die gesamte Begründungskaskade sichtbar macht. Am Anfang steht eine einzige, moralisch aufgeladene Zuspitzung: Wer die Corona-Maßnahmen kritisiert, gefährdet Menschenleben. Aus dieser Argumentation folgt zwangsläufig: Wer Leben gefährdet, ist ein Menschenfeind. Wer ein Menschenfeind ist, hat kein Recht auf Gehör. Wer kein Recht auf Gehör hat, darf ausgeschlossen werden – von Aufträgen, Freunden, der Öffentlichkeit. Was als Schutzgedanke beginnt, endet so zwangsläufig in vollständiger Ausgrenzung.
Ballweg ist der lebende Beweis dafür, wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, einen Menschen für eine abweichende Meinung moralisch zu entsorgen – und wie dünn dabei die Trennlinie zwischen „moralischer Ausgrenzung“ und politischer Vernichtung werden kann.
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