„Auch in Deutschland macht sich ein Kulturkampf breit“, teilt der Spiegel seiner Leserschaft mit. Der entsprechende Artikel erschien nicht irgendwann 2015, sondern im August 2025. Das klingt ein bisschen so, als hätte der Reichsrundfunk nach dem Zusammenbruch der Ardennenoffensive gemeldet, jetzt käme es möglicherweise zu Kriegshandlungen. Das tat er bekanntlich nicht, aber in gewisser Weise trifft die Analogie zu: Hier wie dort griffen beziehungsweise greifen Kämpfe auf das eigene Territorium über.
Es ändert die Wahrnehmung enorm, wenn die Verwüstung völlig unerwartet nicht mehr nur die überfallenen Gebiete betrifft, sondern auch das Terrain, das man bis dahin für uneinnehmbar hielt. Die Uneinnehmbarkeit galt – und jetzt befinden wir uns wieder ganz in der Gegenwart – genauso lange als ausgemacht, wie man im antibürgerlichen Komplex glaubte, die Windrichtung bestimmen zu können. Da sich das jetzt ändert und den bisherigen Dauerangreifern eine steife Brise ins Gesicht weht, herrscht also plötzlich Kulturkampf.
Aus der Sicht des Spiegel, ähnlich gelagerter Medien, Ferda Atamans, der Grünen und ihrer akademisch-urbanwoken Vorturner in den USA, von denen sie jedes Komma übernehmen, handelte es sich bei dem Niederschreien nichtlinker Professoren, dem generellen „Deplatforming“, also der Verhinderung öffentlicher Auftritte bestimmter Personen durch einen Mob, beim Canceln von Kunst, „die missverstanden werden könnte“, dem Umschreiben von Literaturklassikern, der Diversity-Equity-Inclusion-Zwangsbeschulung für Angestellte großer Konzerne, der Begeisterung für die korrupte und antisemitische Black-Lives-Matter-Bewegung, dem Mobbing gegen Wissenschaftler, die darauf bestehen, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt, handelte und handelt es sich bei den irrsinnigen Anklagen gegen den heutigen Westen und ausschließlich den Westen wegen des Sklavenhandels vor mehr als 200 Jahren, bei dem antikolonialistisch bemäntelten Antisemitismus an Universitäten und weit darüber hinaus, kurzum, bei dem zehnjährigen Generalangriff auf Wissenschafts- und Meinungsfreiheit, Sprache, Geschichtsschreibung und Rechtsstaat durch eine praktisch zu allem bereite politisch-medial-akademische Kaderarmee zu keinem Zeitpunkt um so etwas wie Kulturkampf.
Einen besonders besorgniserregenden Höhepunkt des frisch gestarteten Kulturkampfs entdecken die wohlgesinnten Kreise in den USA und noch mehr in Deutschland in dem Umstand, dass die US-Regierung neuerdings ihre Mittelvergabe an Universitäten davon abhängig macht, ob die Institutionen sich zum besseren Schutz jüdischer Studenten und Mitarbeiter und zum Vorgehen gegen gewalttätige Trupps auf dem Campus verpflichten (was sie auch eine nach der anderen tun, nicht ganz freiwillig, sondern, um dreistellige Millionensummen nicht zu verlieren).
Und sehr, sehr für den Kulturkampf seit 2024 spricht, dass Beschuldigungskampagnen gegen Unternehmen wegen angeblichem Rassismus und rechter Codes neuerdings nicht nur nicht in die beabsichtigte Richtung verlaufen, sondern innerhalb kürzester Zeit im ungeordneten Blitzrückzug der Angreifer enden.
Es liegt durchaus eine Logik darin, nicht die eigenen Angriffe auf die bürgerlich-westliche Gesellschaft als Kulturkampf zu sehen, sondern erst die Gegenwehr. Von Carl von Clausewitz stammt das Bonmot: „Der Eroberer ist immer friedliebend, er zöge ganz gern ruhig in unseren Staat ein; […]“ Aus Sicht des Aggressors geht der ganze Ärger erst dann los, wenn sich die Attackierten nicht widerstandslos unterwerfen.
Um den Spiegel vollständig zu zitieren: Er kündigt nicht nur bevorstehende Kulturkriegshandlungen auch in Deutschland an, sondern warnt vor „amerikanischen Verhältnissen“.
Wobei wir bei Sydney Sweeney, ihren guten Jeans und den Folgen wären. Kurze Zusammenfassung für alle, die es nicht verfolgt haben sollten: In der Kampagne des amerikanischen Jeansherstellers American Eagle räkelt sich die Schauspielerin Sydney Sweeney („White Lotus“) in einer oben recht engen, unten aber eher weit geschnittenen Hose und einer Jeansjacke, die so körperbetont sitzt, dass Sweeney sie auf der blanken Haut trägt.
Das heißt, in einem Spot räkelt sie sich, in einem anderen schließt sie mit Pardauz die Heckklappe eines Sportwagens und fährt damit ins Blaue. Bei dem Auto handelt es sich um einen Verbrenner. Der spotübergreifende Werbespruch lautet: „Sidney Sweeney has great jeans“, worauf der Hinweis folgt: Sie besitze auch great genes, also gute Gene. Normalverbraucher erkennen darin ein Wortspiel, das die Wahrheit nicht direkt verbiegt, denn die gute genetische Ausstattung kann man der Werbeträgerin wirklich nicht absprechen.
Wer sich nicht ausschließlich für Jeans und die Schauspielerin interessiert, der nimmt vielleicht zusätzlich wahr, dass eine ganze Reihe von Firmen ihre Produkte mittlerweile nicht mehr mit als Frauen verkleideten Männern respektive bärtigen oder stark übergewichtigen Frauen an ihre Kunden bringen, sondern mit Models, die allgemeinen Attraktivitätskriterien entsprechen. In einem Dunkin’-Donuts-Werbespot beispielsweise nimmt der Schauspieler Gavin Casalegno den Sommerdrink 2025 zu sich, wobei auch hier die Gene kurz Erwähnung finden: Er weist darauf hin, dass es sich bei seiner Bräune um ein Familienerbe handelt („Look, I didn’t ask to be the king of summer. It just kinda happened. This tan? Genetics“).
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