Wolfram Weimer steht seit Wochen im Zentrum einer Affärenlage, wie sie für einen Kulturstaatsminister eigentlich nicht vorstellbar ist. Die Weimer Media Group sieht sich mit Vorwürfen massenhafter Urheberrechtsverletzungen konfrontiert, mit Geschäftsmodellen, nach denen Texte abgeschöpft, Autoren nicht vergütet und politische Zugänge als Ware behandelt wurden. Recherchiert wurde das nicht von den großen Häusern, sondern von neuen, unabhängigen Medien.
Genau an dieser Stelle beginnt die Absurdität. Während die Vorwürfe zu Geschäftspraktiken und Strukturen im Raum stehen, versucht Weimer den Blick zu drehen. Weg vom Konkreten, hin zum Grundsätzlichen. Weg von der Frage, ob Regeln verletzt wurden, hin zur Behauptung, das System Deutschland selbst sei bedroht. Der klassische Reflex eines Apparats, der sich nicht erklären will, sondern das Publikum umerziehen möchte: Wer kritisiert, gefährdet die Demokratie. Wer fragt, gilt als Teil des Problems. Weimer spricht sich selbst heilig, auch wenn bei ihm der Heiligenschein wie eine Narrenkappe wirkt.
Parallel dazu inszeniert sich Weimer als der Schutzheilige vor dem drohenden „Zusammenbruch des freien Mediensystems“. Doch die Krise hat längst einen neuen Aggregatzustand erreicht. Abermals weitet sich der Skandal aus. Nun auf den Autor Weimer. Damit trifft es den Kern seiner öffentlichen Selbstinszenierung: den Anspruch, für Kultur, Standards und Textethik zu stehen.
Der österreichische Plagiatsforscher Dr. Stefan Weber hat Plagiate im Buch „Das konservative Manifest“ (2018) festgestellt. Auf seiner Plattform Plagiatsgutachten.com ist dem Fall eine Sondermeldung gewidmet, überschrieben mit dem Hinweis: „Plagiate nun auch in Buch von Weimer“. Weber ordnet den Vorwurf ausdrücklich als „schwerwiegend“ ein und begründet dies mit detaillierten Nachweisen. Seine Überschrift lautet: „Wie der Medienstaatsminister im Buch ‚Das konservative Manifest‘ (2018) schamlos (nicht nur) die deutsche Mainstream-Presse beklaute“. Nach eigener Darstellung benötigte Weber nur wenige Minuten, um in dem ersten von insgesamt acht Büchern Weimers umfangreiche Übereinstimmungen zu finden. Weitere Prüfungen seien angekündigt. Der Vorgang ist damit nicht abgeschlossen, sondern läuft erst an, mit der Perspektive, dass weitere Veröffentlichungen folgen.
Im Zentrum steht das „Konservative Manifest“. Ausgerechnet ein Text, der programmatisch Anspruch erhebt, geistige Urheberschaft zu formulieren. Ein Manifest ist keine Kolumne im Vorbeigehen, kein schnelles Interview, kein missglückter Halbsatz. Ein Manifest ist Selbstdefinition. Es sagt: Das bin ich. Das denke ich. Dafür stehe ich. Und wenn nun ausgerechnet in diesem Format die Substanz nicht aus eigenen Gedanken besteht, sondern aus fremden Passagen, dann bricht nicht irgendein Detail weg, sondern die Pose. Weber identifiziert dort eine etwa dreiviertel Buchseite, die aus einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks stammen soll. Es sei der erste Treffer, nur wenige Seiten nach Beginn. Weitere Passagen betreffen Texte zur Renaissance des Heimatbegriffs. Was wie persönliche Reflexion wirkt, stamme nach Webers Analyse aus einem 2010 erschienenen Beitrag der Welt-Journalistin Caroline Bock. Weber bezeichnet dieses Vorgehen als „äußerst skrupellos“.
Auch zum Thema Familie hat Weimer geschrieben. Dort finde sich ein wörtlicher Ausschnitt aus einer Rede des CDU-Politikers Alois Glück aus dem Jahr 2013. Besonders brisant wird der Befund an der Stelle, an der Weimer im Manifest über Nation und Identität spricht. Auf Seite 38, so Weber, sei eine dreiviertel Seite eines Textes des Historikers Thomas Brechenmacher übernommen worden. Weitere Fundstellen verwiesen auf den Theologen Yves Bizeul sowie auf Texte aus dem Umfeld der Evangelischen Kirche in Deutschland.
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