Der Philosoph Ludwig Wittgenstein baute sein Werk auf die Erkenntnis, dass viele Probleme durch einen Mangel an sprachlicher Präzision verursacht werden. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Das gilt nicht nur für die Philosophie – sondern für den gesamten gesellschaftlichen Diskurs. Die Beschneidung der Realität ist das, was die beiden Fälle – Merz und Bolz – miteinander verbindet. Die Ursachen? Zwei verhängnisvolle Entwicklungen vereinen sich sozusagen zum perfect storm: die Moralisierung der öffentlichen Debatte und die Bildungskatastrophe. Beide zusammen bewirken eine intellektuelle Verwahrlosung, die kaum weniger schlimm ist als die Deindustrialisierung.
Erstens Bolz: Die linke Tageszeitung taz schrieb – gemünzt auf die Forderung nach einem AfD-Verbot: „Deutschland erwacht“. Bolz reagierte darauf mit: „Gute Übersetzung von ‚woke‘: Deutschland erwache.“ Dass es sich dabei um eine witzige Parodie der taz-Zeile handelt, sieht der Dümmste. Noch dümmer sind Staatsanwälte, die Bolz unterstellen, willentlich den Nazi-Spruch „Deutschland erwache!“ verwendet zu haben, und glauben, gegen ihn vorgehen zu müssen, um ein Wiedererstarken dieser Ideologie zu verhindern. Meine Vermutung ist: Sie wissen mit Sprachformen wie Parodie, Polemik, Satire nichts anzufangen. Sie haben verlernt, zu lesen. Wer nicht lesen kann, kann nicht verstehen. Der strukturelle Analphabetismus schlägt bei Akademikern durch, auch in der Justiz. Das ist verheerend, weil es zwangsläufig zu Sprachverarmung und Sprachverödung führt. Wer will schon die Strafverfolgung am Hals haben, nur weil er mit Sprache umgehen kann.
Angesichts des Sprachzerfalls in Folge der Bildungskatastrophe und der Sprachverödung in Folge der Moralisierung wundert es nicht, dass selbst ein angesehenes juristisches Fachblatt wie die Legal Tribune Online die Ermittlungen gegen Bolz verteidigt: „Doch die Rechtsauffassung der Staatsanwaltschaft und des Ermittlungsrichters liegen auf der Linie der Rechtsprechung. (…) Ironie und Sarkasmus schützen also nicht vor Strafe.“ Dass es Ausnahmen gibt – in Kunst, Wissenschaft und Presse –, hat die Justiz dabei übersehen. Staatsanwälte und Polizisten wussten offenbar nicht, dass es sich bei Professor Bolz um einen hoch angesehenen Kommunikationswissenschaftler und Publizisten handelt. Dass der Versuch der Einschüchterung und Abschreckung in diesem Fall nach hinten los gehen würde, war nicht zu übersehen.
DRAMA IN REGENSBURG: Geiseldrama beendet! SEK nimmt Verdächtigen fest - Ein Toter | STREAM










